Der Devisenexperte Volkmar Baur von Commerzbank sieht im möglichen Ende des Iran-Konflikts und einer Wiederöffnung der Straße von Hormus Potenzial für eine Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar. Ausschlaggebend seien vor allem Unterschiede bei den realen Zinsen. Inflationserwartungen im Euroraum und die Zinserwartungen an die Europäische Zentralbank reagierten stärker auf den Ölpreis als in den USA. Zudem könnten politische Entwicklungen nach der Wahl in Ungarn den Euro strukturell gestützt haben.
"Während der Ölpreis von rund 110 auf etwa 101 US-Dollar je Barrel gefallen ist, legte der Euro gegenüber dem US-Dollar um etwa ein Prozent zu, während der handelsgewichtete Dollar 0,4 Prozent verlor. Allerdings sollten wir nicht aus dem Blick verlieren, dass EUR/USD inzwischen wieder bei rund 1,175 liegt. Vor dem Konflikt bewegte sich das Währungspaar um 1,18, im Tief wurde kurzzeitig etwa 1,14 erreicht."
"Im Vergleich zu den USA wird deutlich: Die Markterwartungen an die Europäische Zentralbank reagieren stärker auf Veränderungen des Ölpreises als die Erwartungen an die US-Notenbank. Noch deutlicher verschieben sich jedoch die Inflationserwartungen im Euroraum. Sollte der Iran-Konflikt enden und die Straße von Hormus wieder geöffnet werden, würde ein sinkender Ölpreis dazu führen, dass die Zinsen im Euroraum etwas stärker fallen als in den USA. Die Inflationserwartungen im Euroraum würden jedoch noch deutlicher nachgeben – stärker als jenseits des Atlantiks. Die Differenz bei den realen Zinsen würde sich damit zugunsten des Euro entwickeln und die Gemeinschaftswährung gegenüber dem US-Dollar stärken."
"Warum bewegt sich EUR/USD dann bereits jetzt wieder in Richtung des Niveaus vor dem Konflikt? Zur Beantwortung dieser Frage lohnt sich vermutlich ein Blick nach Osten. Betrachtet man die Entwicklung von EUR/USD und die Renditedifferenz zehnjähriger Staatsanleihen in den vergangenen zehn Wochen, zeigt sich seit dem 13. April eine deutliche Entkopplung. Auch der Zusammenhang zwischen Ölpreis und EUR/USD verdeutlicht, dass der Ölpreis über den gesamten Zeitraum hinweg Einfluss auf den Wechselkurs hatte. Gleichzeitig kam es am Wochenende des 11./12. April zu einer parallelen Verschiebung um etwa zwei Cent zugunsten des Euro – genau zum Zeitpunkt der ungarischen Wahl."
"Die Niederlage von Viktor Orban hat offenbar das Vertrauen der Märkte in die Fähigkeit der EU gestärkt, politische Reformen und wirtschaftliche Maßnahmen umzusetzen, was den Euro strukturell unterstützt. Vor diesem Hintergrund gehe ich davon aus, dass ein Ende des Iran-Konflikts und ein niedrigerer Ölpreis durchaus das Potenzial haben, den Euro gegenüber dem US-Dollar erneut aufwerten zu lassen."