Der Anstieg von Bitcoin über die Marke von 76.000 US-Dollar scheint laut dem Krypto-Marktmacher Wintermute weniger auf breiter Marktüberzeugung als vielmehr auf aggressiver Positionierung zu beruhen.
In einem Marktupdate am Dienstag warnte das Unternehmen, dass die zunehmende Aktivität im Derivatehandel und das Eindecken von Short-Positionen weiterhin das Marktgeschehen dominieren – auch wenn die institutionelle Nachfrage zunehme. Wintermute zufolge wurde die jüngste Stärke von Bitcoin vor allem durch den Futures-Handel geprägt. Das Volumen bei Perpetual Futures liegt demnach etwa elfmal so hoch wie im Kassamarkt, während die Finanzierungssätze durchgehend negativ geblieben sind.
Nach Einschätzung des Unternehmens deuten diese Bedingungen darauf hin, dass die Rally eher durch Marktpositionierungen als durch eine organische Nachfrage im Kassamarkt getrieben wird. Eine jüngste Liquidationswelle im Umfang von 762 Millionen US-Dollar, von der rund 95 Prozent auf Short-Positionen entfielen, stütze diese Sichtweise.
Zwar habe der Sprung von Bitcoin über 76.000 US-Dollar die Marktstruktur verbessert, doch das Handelsunternehmen warnte, dass dies noch kein bestätigtes Signal für eine nachhaltige Trendwende sei.
„Während sich die zugrunde liegende Dynamik mit zunehmender institutioneller Beteiligung verbessert, basiert diese Rally auf Short-Eindeckungen und Deal-Optimismus – nicht auf einem bestätigten makroökonomischen Umschwung“, schrieb Wintermute.
Dem Bericht zufolge nimmt die institutionelle Beteiligung im Hintergrund weiter zu, was den Anstieg von Bitcoin in Richtung 77.500 US-Dollar gestützt habe. Diese Unterstützung könnte jedoch bereits in dieser Woche auf eine harte Probe gestellt werden, da makroökonomische Risiken stärker in den Fokus rücken.
Wintermute verknüpfte die nächste Kursbewegung im Kryptomarkt mit der anstehenden Sitzung des Federal Open Market Committee sowie den Geschäftszahlen großer US-Technologiekonzerne. Beide Faktoren könnten darüber entscheiden, ob risikobehaftete Anlagen ihre derzeitige Dynamik aufrechterhalten.
„Die Erklärung des FOMC in dieser Woche und die Ergebnisse der MAG7 werden entweder die Rally bestätigen oder den Widerspruch zwischen Rekordständen an den Aktienmärkten, steigenden Energiekosten und einbrechendem Verbrauchervertrauen offenlegen“, heißt es in dem Bericht.
Wintermute sieht das größere Risiko darin, wie die Märkte widersprüchliche Signale über verschiedene Anlageklassen hinweg verarbeiten. „Es ist eine Frage zwischen Energie, Kryptowährungen und Aktien – irgendwo muss eine Korrektur erfolgen“, so der Bericht.
Für Bitcoin bleibt die zentrale Frage, ob sich die führende Kryptowährung bei Druck auf die breiteren Märkte eher wie ein Risiko-Asset oder wie ein Wertspeicher verhält.
„Wenn BTC stabil bleibt, während der Nasdaq fällt, wäre das das stärkste Signal für seine Funktion als Wertspeicher in diesem Zyklus“, schrieb Wintermute. Ein gleichzeitiger Ausverkauf mit Aktien würde hingegen darauf hindeuten, dass die makroökonomische Risikostimmung weiterhin der dominierende Faktor ist.
Bei Altcoins sieht der Analyst erste Anzeichen einer Divergenz, da die Korrelationen zwischen den Top-10- und den Top-250-Tokens zu bröckeln beginnen.
Während sich die breitere Entwicklung der Altcoins bislang relativ stabil zeigt, ziehen laut dem Unternehmen zunehmend „idiosynkratische Projekte“ Kapital an. Dies deute darauf hin, dass Investoren im Zuge des Marktübergangs selektiver vorgehen.
Datenschutzorientierte Token entwickeln sich weiterhin überdurchschnittlich, während Token aus dem Bereich der dezentralen Finanzanwendungen nach dem jüngsten Angriff auf KelpDAO uneinheitliche Tendenzen zeigen, so Wintermute.
Zum Zeitpunkt der Erstellung wurde Bitcoin bei 76.370 US-Dollar gehandelt und lag damit innerhalb von 24 Stunden knapp ein Prozent im Minus.