TradingKey – Der weltweiten Pharmaindustrie steht womöglich die bedeutendste Fusion und Übernahme der letzten Jahre bevor.
Der britische Pharmariese AstraZeneca ( AZN) führt Gespräche mit dem US-Konkurrenten Bristol Myers Squibb ( BMY) über eine potenzielle Fusion. Sollte eine Einigung erzielt werden, würde der gemeinsame Börsenwert der beiden Unternehmen fast 400 Milliarden US-Dollar erreichen, wodurch potenziell einer der weltweit größten Pharmakonzerne entstehen könnte.
Mit der Angelegenheit vertrauten Personen zufolge haben die beiden Unternehmen in den letzten Monaten mehrere Gesprächsrunden geführt, doch die Verhandlungen sind weiterhin äußerst ungewiss. Eine konkrete Transaktionsstruktur wurde noch nicht festgelegt; der endgültige Vorschlag könnte eine Kombination aus Barmitteln und Aktien vorsehen, und die Möglichkeit, dass die Gespräche verzögert oder abgebrochen werden, kann nicht ausgeschlossen werden.
Seit Jahresbeginn ist der Aktienkurs von Bristol Myers Squibb um rund 21 % gestiegen, während AstraZeneca um 7 % nachgegeben hat.
AstraZeneca hat derzeit einen Marktwert von rund 196 Milliarden Pfund (entspricht etwa 264 Milliarden US-Dollar), während Bristol Myers Squibb auf einen Marktwert von rund 133 Milliarden US-Dollar kommt. Auf Basis der aktuellen Bewertungen würde sich die Marktkapitalisierung des fusionierten Unternehmens der Marke von 400 Milliarden US-Dollar nähern, womit es sich gemessen am Börsenwert potenziell als viertgrößter Pharmakonzern der Welt einreihen würde.
Das Volumen dieser Transaktion würde zudem die bisherige Rekordübernahme von Alexion durch AstraZeneca im Jahr 2021 für 39 Milliarden US-Dollar sowie die 74 Milliarden US-Dollar schwere Übernahme von Celgene durch Bristol Myers Squibb im Jahr 2019 bei Weitem übertreffen. Damit wäre sie eine der größten Fusionen und Übernahmen in der Geschichte der weltweiten Pharmaindustrie.
Allerdings befinden sich beide Parteien möglicherweise noch in der Phase, in der sie die Machbarkeit der Transaktion prüfen. Neben dem Preis und den Zahlungsmodalitäten gehören auch die Corporate Governance, der Hauptsitz, die Integration der Vermögenswerte sowie regulatorische Anforderungen zu den Fragen, die in den Verhandlungen geklärt werden müssen.
Für AstraZeneca könnte eine Fusion mit Bristol Myers Squibb die Kapazitäten in den Bereichen Forschung und Entwicklung (F&E), Vertrieb und Kommerzialisierung in den USA erheblich ausweiten. Die USA steuern derzeit fast die Hälfte des Umsatzes von AstraZeneca bei und sind ein Schlüsselmarkt, um das Umsatzziel des Unternehmens von 80 Milliarden US-Dollar bis 2030 zu erreichen. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr lag der Umsatz von AstraZeneca bei 58,7 Milliarden US-Dollar, was bedeutet, dass der Konzern in den nächsten Jahren weiterhin ein hohes Wachstumstempo beibehalten muss.
Zudem hat AstraZeneca in den vergangenen Jahren seine Verbindungen zu den US-Kapitalmärkten kontinuierlich gestärkt und seine Börsenpräsenz in New York ausgebaut. Obwohl CEO Pascal Soriot zuvor erklärt hatte, dass das Unternehmen nicht auf Großakquisitionen angewiesen sei, um seine langfristigen Ziele zu erreichen, zeigt die potenzielle Fusion, dass das Management nach wie vor die Möglichkeit prüft, die Geschäftsaktivitäten durch externe Transaktionen auszuweiten.
Bristol Myers Squibb hingegen steht unter weitaus weitreichenderem Druck, sein Produktportfolio zu erneuern. Für seine Kernmedikamente Eliquis und Opdivo laufen in den kommenden Jahren die Patente ab, was Umsatz und Gewinn erheblich belasten könnte. Das Unternehmen setzt auf neuere Produkte wie Breyanzi, Opdualag, Camzyos und Reblozyl, um diese Lücke zu schließen. Ob diese neuen Präparate den Umsatzrückgang der älteren Medikamente jedoch vollständig kompensieren können, bleibt abzuwarten.
Daher könnte AstraZeneca die Transaktion nutzen, um sein US-Geschäft und sein Produktportfolio auszuweiten, während Bristol Myers Squibb die Möglichkeit erhielte, den Druck durch auslaufende Patente („Patentklippe“) mithilfe der F&E-Pipeline von AstraZeneca abzumildern.
Die offensichtlichste Synergie zwischen beiden Seiten ergibt sich aus ihren Onkologie-Sparten, doch genau dies könnte auch zur größten Hürde für die Transaktion werden.
Krebsmedikamente tragen fast zur Hälfte des Umsatzes von AstraZeneca bei, und auch Bristol Myers Squibb erzielt mehr als 40 % seiner Erlöse mit Onkologieprodukten. Einige Medikamente stehen zudem in direktem Wettbewerb zueinander; beispielsweise werden Opdivo von Bristol Myers Squibb und Imfinzi von AstraZeneca beide in mehreren Therapiebereichen eingesetzt, darunter bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs.
Es ist damit zu rechnen, dass die Regulierungsbehörden nicht nur die Marktüberschneidungen bestehender Produkte genau prüfen, sondern auch F&E-Pipelines im Spätstadium, Produktbündelungen sowie die Auswirkungen der Fusion auf medizinische Innovationen und die Preisgestaltung bewerten. Sollte die Transaktion voranschreiten, müssen die beiden Unternehmen weichenstellende Medikamente oder Pipeline-Vermögenswerte veräußern, um die behördliche Genehmigung zu erhalten.
Obwohl sich die Trump-Regierung gegenüber Fusionen und Übernahmen von Unternehmen generell relativ offen zeigt, betreffen große Pharma-Deals meist gleichzeitig Fragen des Wettbewerbs, der Arzneimittelpreise und der nationalen Industriepolitik, sodass nicht mit einem einfachen Prüfungsverfahren zu rechnen ist.
Die Verhandlungen haben zudem auf dem britischen Kapitalmarkt erneut Sorgen über eine fortschreitende „Amerikanisierung“ der führenden heimischen Unternehmen geschürt.
Im Juni dieses Jahres schloss AstraZeneca eine Direktnotierung in New York ab, was vom Markt weithin als wichtiger Schritt zur weiteren Stärkung seiner Präsenz auf dem US-Kapitalmarkt interpretiert wurde. Sollte das Unternehmen seine US-Aktivitäten in Zukunft durch die Übernahme von Bristol Myers Squibb weiter ausbauen oder gar einige Kernfunktionen in die USA verlagern, könnte die britische Politik erneut vor Debatten über die anhaltende Abwanderung großer heimischer Unternehmen an den US-Markt stehen.
Tatsächlich ist dies nicht das erste Mal, dass AstraZeneca in den Fokus grenzüberschreitender M&A-Aktivitäten gerät.
Im Jahr 2014 hatte der US-Pharmakonzern Pfizer ( PFE) ein Übernahmeangebot von fast 70 Milliarden Pfund (ca. 94,3 Milliarden US-Dollar) vorgelegt, das jedoch von Soriot letztlich entschieden abgelehnt wurde. Damals war auch die britische Regierung besorgt über den Verlust wichtiger Pharmaunternehmen und verfolgte die Transaktion mit großer Aufmerksamkeit.
Heute, zwölf Jahre später, hat sich AstraZeneca zu einem weltweit führenden Anbieter innovativer Medikamente entwickelt, und seine Rolle hat sich vom damaligen Übernahmeziel hin zu dem Akteur gewandelt, der die Konsolidierung heute aktiv vorantreibt.