Goldpreis vor Fed-Test – Diesel über 6 Dollar verschärft die Lage

Quelle Fxstreet

Der Goldpreis steht vor dem dritten Wochenminus in Folge. Eigentlich erstaunlich, denn das Umfeld sieht auf den ersten Blick genau nach dem aus, in dem Gold normalerweise glänzen sollte: Die Inflation bleibt hartnäckig, Öl wird teurer, der Konflikt zwischen den USA und Iran treibt die Energiepreise nach oben und gleichzeitig wachsen die Sorgen um die amerikanischen Staatsfinanzen.

Doch genau hier liegt momentan das Problem. Der Markt rechnet plötzlich wieder sehr deutlich mit einer Zinserhöhung der US-Notenbank. Die Wahrscheinlichkeit für einen Zinsschritt in der kommenden Woche ist innerhalb weniger Tage massiv gestiegen. Höhere Zinsen sind normalerweise Gift für Gold, weil verzinste Anlagen dadurch attraktiver werden.

Trotzdem hält sich der Goldpreis überraschend gut. Nach einem kurzen Rücksetzer unter 4.300 US-Dollar sprang das Edelmetall wieder über 4.400 US-Dollar. Für mich ist genau das derzeit die spannendste Beobachtung: Die Zinserwartungen haben sich dramatisch verändert, der Goldpreis bislang aber deutlich weniger.

Und dafür gibt es gute Gründe.

Die Inflation bleibt das Problem

Die neuen US-Verbraucherpreise lieferten zunächst keine große Überraschung. Im August stiegen sie gegenüber dem Vormonat um 0,4 %. Genau das hatte der Markt erwartet. Im Juli lag der Anstieg noch bei lediglich 0,1 %.

Auf Jahressicht blieb die Inflationsrate unverändert bei 3,4 %.

Etwas unangenehmer sah es bei der Kerninflation aus. Ohne Energie und Lebensmittel legten die Preise gegenüber dem Vormonat um 0,3 % zu. Erwartet worden waren nur 0,2 %. Im Juli hatte der Anstieg ebenfalls bei 0,2 % gelegen. Die jährliche Kerninflation blieb mit 2,4 % unverändert.

Das klingt zunächst nicht dramatisch. Das eigentliche Problem steckt aber darin, was in den kommenden Monaten noch folgen könnte.

Denn die Energiepreise sind zuletzt kräftig gestiegen.

Auch die Erzeugerpreise geben bereits einen Vorgeschmack darauf. Die jährliche Produzenteninflation beschleunigte sich im August auf 5,4 %. Analysten hatten lediglich mit 5,3 % gerechnet. Im Juli lag sie noch bei 4,8 %.

Damit entsteht ein unangenehmes Bild für die Fed: Die Inflation fällt nicht schnell genug, während von der Energieseite neuer Preisdruck kommt.

Der Auslöser dafür ist vor allem der Konflikt zwischen den USA und Iran.

Brent-Rohöl stieg im frühen Handel zeitweise über 111 US-Dollar je Barrel und erreichte damit den höchsten Stand seit vier Monaten. Später gab der Ölpreis einen Teil der Gewinne wieder ab.

Noch wichtiger dürfte allerdings eine andere Zahl sein: Diesel kostet in den USA inzwischen mehr als 6 US-Dollar je Gallone – ein Rekord.

Das ist weit mehr als nur ein Problem für Autofahrer.

Diesel steckt praktisch in der gesamten Lieferkette. Lkw transportieren Lebensmittel, Konsumgüter und Industrieprodukte quer durch das Land. Steigen die Kraftstoffkosten, steigen auch die Frachtkosten. Und diese Kosten landen mit Verzögerung bei Unternehmen und Verbrauchern.

Genau deshalb könnten die hohen Energiepreise die Inflation noch über Monate beschäftigen.

Plötzlich rechnet fast jeder mit einer Zinserhöhung

Die Reaktion am Zinsmarkt war entsprechend heftig.

Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung bei der Fed-Sitzung in der kommenden Woche stieg auf 85 %. Einen Tag zuvor waren es noch 72,4 %. Vor einer Woche lag die Wahrscheinlichkeit bei 59,4 %, vor einem Monat sogar nur bei 48,4 %.

Innerhalb weniger Wochen hat sich die Stimmung damit fast vollständig gedreht.

Die Fed-Funds-Futures preisen inzwischen bis zum Jahresende eine geldpolitische Straffung um insgesamt 44 Basispunkte ein.

Auch am Anleihemarkt ist die Veränderung deutlich sichtbar. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg erstmals seit fast drei Jahren wieder über 5 %.

Normalerweise wäre das eine ziemlich schlechte Kombination für den Goldpreis: steigende Renditen, höhere Zinserwartungen und die Aussicht auf eine restriktivere Fed.

Doch Gold hält dagegen.

Das dürfte auch am Dollar liegen.

Der Dollar-Index sprang nach den Inflationsdaten zwar zunächst auf ein neues Wochenhoch, gab später aber wieder nach. Besonders der stärkere japanische Yen sorgt für Gegenwind.

Der Grund: In der kommenden Woche wird auch eine Zinserhöhung der Bank of Japan erwartet. Gleichzeitig bleiben mögliche Interventionen am Devisenmarkt ein Thema.

Hinzu kommen die zunehmenden Sorgen über die amerikanische Haushaltslage.

Der Dollar-Index steuert deshalb trotz der höheren US-Zinserwartungen auf das zweite Wochenminus in Folge zu.

Und genau diese Dollarschwäche hilft dem Goldpreis.

Zinserhöhung der Fed? So klar ist die Sache noch nicht

Der Markt scheint sich inzwischen ziemlich sicher zu sein, dass die Fed in der kommenden Woche die Zinsen anheben wird.

Ganz so eindeutig sehe ich die Lage allerdings nicht.

Bei der letzten Sitzung im Juli fiel die Abstimmung mit 9 zu 3 Stimmen aus.

Damit stellt sich eine einfache Frage: Waren die Daten seitdem wirklich stark genug, um gleich vier weitere Stimmen für eine Zinserhöhung zu gewinnen?

Das wäre ein erheblicher Meinungsumschwung innerhalb relativ kurzer Zeit.

Selbst wenn Fed-Chef Warsh dieses Mal für eine Zinserhöhung stimmen sollte, müsste er innerhalb des geldpolitischen Ausschusses eine entsprechende Mehrheit zusammenbekommen.

Das ist keineswegs selbstverständlich.

Auf der anderen Seite liefern die Energiepreise den Falken innerhalb der Fed durchaus neue Argumente.

Dieselpreise von mehr als 6 US-Dollar könnten zu einem wichtigen Wendepunkt werden. Sollte die Fed versuchen wollen, den daraus entstehenden Inflationsdruck frühzeitig einzudämmen, wäre eine Zinserhöhung leichter zu rechtfertigen.

Hinzu kommt die internationale Lage.

Die Europäische Zentralbank hat in dieser Woche bereits die Zinsen erhöht. Von der Bank of Japan wird ebenfalls eine Anhebung erwartet. Damit erhält die Fed etwas mehr Spielraum für eine eigene Straffung, ohne dass der Dollar zwangsläufig massiv aufwerten müsste.

In der kommenden Woche stehen deshalb zwei Entscheidungen im Mittelpunkt.

Die Fed entscheidet am 16. September. Die Bank of Japan folgt am 18. September.

Nach dem jüngsten Ölpreissprung und den Inflationsdaten für August spricht der Markt derzeit klar für eine Zinserhöhung der Fed um 25 Basispunkte.

Von der Bank of Japan wird erwartet, dass sie ihren Leitzins von 1,00 auf 1,25 % anhebt und gleichzeitig signalisiert, dass weitere Zinsschritte folgen könnten.

Goldpreis zeigt überraschende Stärke

Genau hier wird es für Gold interessant.

Nach Veröffentlichung der Inflationsdaten fiel der Goldpreis zunächst auf ein neues Wochentief unterhalb von 4.300 US-Dollar.

Das sah kurzfristig ziemlich schwach aus.

Doch die Bewegung hielt nicht lange.

Im weiteren Verlauf drehte Gold deutlich nach oben und stieg auf neue Tageshochs oberhalb von 4.400 US-Dollar.

Trotzdem dürfte der Goldpreis auf Wochensicht zum dritten Mal in Folge niedriger schließen.

Das klingt bearish. Ich würde den Kursverlauf allerdings nicht nur anhand dieser drei Wochen betrachten.

Denn der Markt preist inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von 85 bis 90 % für eine Fed-Zinserhöhung ein.

In der Vorwoche lag diese Wahrscheinlichkeit noch unter 60 %.

Trotz dieser massiven Veränderung befindet sich der Goldpreis weiterhin innerhalb der Handelsspanne der vergangenen Woche.

Das ist bemerkenswert.

Wenn sich die Zinserwartungen so stark gegen Gold bewegen und der Preis trotzdem nicht nachhaltig einbricht, zeigt das, dass andere Käufer weiterhin bereitstehen.

Und genau hier könnte die klassische Funktion von Gold wieder wichtiger werden.

Gold als Schutz vor Inflation und Dollar-Sorgen

Gold reagiert normalerweise empfindlich auf höhere Zinsen. Doch das ist eben nur ein Teil der Geschichte.

Wenn Anleger gleichzeitig das Vertrauen in die Kaufkraft von Währungen verlieren, kann Gold trotz steigender Zinsen gefragt bleiben.

Und genau dieses Szenario zeichnet sich momentan zumindest teilweise ab.

Die Inflation bleibt über dem Ziel der Fed. Die Energiepreise steigen. Geopolitische Risiken nehmen zu. Gleichzeitig wächst die Sorge über die amerikanische Verschuldung und die langfristige Stabilität des Dollars.

Dabei taucht zunehmend die Frage auf, ob eine schwächere Währung letztlich der einfachste Weg sein könnte, die reale Last der enormen Staatsverschuldung zu reduzieren.

Für Gold wäre das ein starkes Argument.

Denn Gold besitzt als Reservevermögen weder Gegenparteirisiko noch Ausfallrisiko. Gleichzeitig kann keine Regierung zusätzliches Gold schaffen, um ihre Schulden zu finanzieren.

Genau deshalb kaufen Zentralbanken seit Jahren Gold, um ihre Reserven breiter aufzustellen.

Metals Focus weist darauf hin, dass sich die Nachfrage des offiziellen Sektors im Juli und August wieder erholt hat, „da die Treiber der Diversifizierung bestehen bleiben“.

Im Precious Metals Weekly heißt es außerdem, dass „die expansive US-Fiskalpolitik und Sorgen über die Unabhängigkeit der Fed das Vertrauen sowohl in den Dollar als auch in US-Staatsanleihen weiter untergraben haben“.

Das ist ein wichtiger Punkt.

Wenn Zentralbanken ihre Reserven aus genau diesen Gründen diversifizieren, zeigt das, dass Gold momentan weit mehr ist als eine reine Wette auf fallende Zinsen.

Beim Goldpreis werden diese Marken jetzt wichtig

Charttechnisch bleibt die Lage dennoch angespannt.

Ein Tagesschluss oberhalb des 100-Tage-Durchschnitts bei 4.335,49 US-Dollar wäre zunächst ein ermutigendes Signal.

Das frühe US-Tageshoch bei 4.402,05 US-Dollar bildet die nächste Hürde.

Darüber liegen die bisherigen Wochenhochs zwischen 4.432,14 und 4.442,87 US-Dollar.

Noch wichtiger werden anschließend der 20-Tage-Durchschnitt bei 4.463,19 US-Dollar und das Hoch der Vorwoche bei 4.510,64 US-Dollar.

Erst wenn Gold diese Bereiche zurückerobert, würde sich das kurzfristige Chartbild wieder deutlicher aufhellen.

Auf der Unterseite hat sich das heutige Tief bei 4.296,89 US-Dollar zunächst als Unterstützung etabliert.

Darunter folgt das Vorwochentief bei 4.283,60 US-Dollar. Diese Marke dürfte zu Beginn der neuen Woche nahezu mit dem steigenden 50-Tage-Durchschnitt zusammenfallen.

Sollte der Goldpreis im September neue Tiefs markieren, würde anschließend das Fibonacci-Niveau bei 4.232,32 US-Dollar wieder relevant.

Damit gibt es für Gold kurzfristig einen relativ klaren Korridor.

Die entscheidende Frage lautet: Hält die Zone um 4.280 bis 4.300 US-Dollar trotz einer möglichen Fed-Zinserhöhung?

Wenn ja, wäre das aus technischer Sicht ein starkes Signal.

Silber steckt in einer ähnlichen Zwickmühle

Auch Silber geriet nach den Inflationsdaten zunächst unter Druck.

Als die Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinserhöhung nach oben sprang, fiel der Silberpreis auf den niedrigsten Stand seit drei Wochen.

Im weiteren Tagesverlauf konnte sich das Edelmetall allerdings wieder erholen und notiert inzwischen im Plus.

Trotzdem dürfte auch Silber das dritte Wochenminus in Folge verbuchen.

Hier gibt es allerdings noch einen zusätzlichen Faktor, der den Preis stützen könnte: die breite Rally an den Rohstoffmärkten.

Wichtige Rohstoffindizes sind mittlerweile auf Mehrjahreshochs gestiegen.

Auch hier spielt der Konflikt zwischen den USA und Iran eine wichtige Rolle. Er hat nicht nur die Energiepreise nach oben getrieben, sondern beeinträchtigt auch die Versorgung mit anderen wichtigen Rohstoffen wie Düngemitteln, Helium und Aluminium.

Dazu kommt ein struktureller Nachfrageboom.

Der Ausbau von künstlicher Intelligenz und der Energiewende benötigt enorme Mengen an Rohstoffen.

Kupfer erreichte im August mit 6,8073 US-Dollar ein Rekordhoch und bleibt angesichts der wachsenden Nachfrage aus Rechenzentren und Stromnetzen gefragt.

Bei Kupfer und Silber treffen diese zusätzlichen Nachfragequellen gleichzeitig auf bestehende Angebotsprobleme.

Und auch hier spielen die Dieselpreise eine Rolle.

Mehr als 6 US-Dollar je Gallone verteuern nicht nur den Transport, sondern erhöhen auch unmittelbar die Kosten im Bergbau.

Das könnte die Angebotsseite zusätzlich belasten.

Silber hat auf Wochenbasis eine sogenannte Outside Week gebildet. Der Kurs hat also sowohl das Hoch als auch das Tief der Vorwoche überschritten.

Damit wird die kurzfristige Richtung zunächst etwas unklarer.

Das heutige Tief bei 63,045 US-Dollar ist nun eine wichtige Unterstützung.

Darunter folgen die Mitte der Handelsspanne von Juni bis August bei 62,941 US-Dollar, das Tief vom 19. August bei 62,574 US-Dollar und der 50-Tage-Durchschnitt bei 62,541 US-Dollar.

Nach oben ist das Mittwochshoch bei 68,314 US-Dollar entscheidend.

Ein Ausbruch darüber würde den Weg für einen erneuten Test der Marke von 70 US-Dollar öffnen.

Um den Aufwärtstrend von Juli und August wieder klar zu bestätigen, müsste Silber anschließend das Hoch von Ende August bei 71,104 US-Dollar überwinden.

Langfristig bleibt aus meiner Sicht aber vor allem eine Marke wichtig: 80 US-Dollar.

Erst wenn Silber dieses Niveau zurückerobert, dürfte auch das Vertrauen in den übergeordneten Aufwärtstrend deutlich zurückkehren.

Mein Fazit

Auf den ersten Blick sieht die Lage für den Goldpreis momentan nicht besonders komfortabel aus. Drei mögliche Wochenverluste in Folge, Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen über 5 % und eine Wahrscheinlichkeit von bis zu 90 % für eine Zinserhöhung der Fed sind eigentlich genau das Umfeld, das Gold unter Druck setzen sollte.

Doch gerade deshalb finde ich die Reaktion des Goldpreises interessant.

Obwohl sich die Zinserwartungen innerhalb weniger Wochen massiv verschoben haben, hält Gold weiterhin die Handelsspanne der Vorwoche. Gleichzeitig bleibt der Dollar schwach, Zentralbanken kaufen weiter Gold und die Kombination aus Inflation, hohen Energiepreisen, geopolitischen Risiken und steigender US-Verschuldung spricht weiterhin für das Edelmetall als Absicherung.

Die Fed-Entscheidung am 16. September dürfte deshalb zum nächsten großen Test werden.

Kurzfristig sind steigende Zinsen ein Risiko. Langfristig könnte aber eine ganz andere Frage entscheidender sein: Vertrauen Anleger weiterhin darauf, dass Dollar und Staatsanleihen ihre Kaufkraft zuverlässig erhalten?

Genau deshalb dürfte die Reaktion des Goldpreises nach der Fed-Entscheidung fast wichtiger werden als die Entscheidung selbst.

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