Ökonomen der ABN AMRO, Bill Diviney und Jan-Paul van de Kerke, gehen davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) auf den erneuten Energieschock mit einer weiteren Straffung der Geldpolitik reagieren dürfte. Der Fokus liege dabei darauf, Zweitrundeneffekte zu verhindern. Höhere Zinsen könnten zwar den Verlust an Energieangebot nicht ausgleichen, jedoch dazu beitragen, die Inflationserwartungen zu stabilisieren. Im Basisszenario rechnen die Experten nun mit zwei Zinserhöhungen in den kommenden Monaten, während sich das Lohnwachstum in Richtung des Zielwerts von zwei Prozent normalisiere.
"Wir erwarten, dass die fiskalische Unterstützung aus drei Gründen begrenzt bleibt. Erstens, weil der Rückgang der realen Einkommen diesmal deutlich geringer ausfallen dürfte. Zweitens sind die Regierungen fiskalisch stärker eingeschränkt und vorsichtiger gegenüber nervösen Anleihemärkten als damals. Und drittens sind sich die Regierungen inzwischen stärker der Gefahr bewusst, dass nicht zielgerichtete fiskalische Maßnahmen Zweitrundeneffekte bei der Inflation anheizen könnten."
"Tatsächlich warnte EZB-Präsidentin Christine Lagarde genau vor solchen Maßnahmen auf der Pressekonferenz nach der jüngsten Sitzung des EZB-Rats vergangene Woche und forderte die Regierungen auf, nur Maßnahmen nach den ‚drei T‘ zu ergreifen: temporär, zielgerichtet und maßgeschneidert."
"Die Eindämmung solcher Zweitrundeneffekte infolge des Energieschocks wird das zentrale Ziel jeder geldpolitischen Straffung der EZB sein. Unser Basisszenario geht nun von zwei Zinserhöhungen in den kommenden Monaten aus."
"Zinserhöhungen werden nichts dazu beitragen, die durch den Konflikt verlorenen Energieangebote wiederherzustellen, aber sie werden helfen, die Inflationserwartungen zu verankern – zu einem sensiblen Zeitpunkt, an dem das Lohnwachstum gerade erst wieder ein Niveau erreicht hat, das mit dem Zwei-Prozent-Ziel vereinbar ist."