Die Zinsstrategen Michiel Tukker und Benjamin Schroeder von ING Group sehen die Entwicklung der Euro-Zinsen weiterhin stark von den Energiemärkten abhängig. Zinserhöhungen der Europäische Zentralbank seien an den Märkten weiterhin für das Jahr 2026 eingepreist. Sinkende Energiepreise könnten diese Erwartungen jedoch rasch verschwinden lassen und vor allem kurzfristige Renditen nach unten drücken. Sollten Energiekosten dagegen länger hoch bleiben, könnte die Euro-Swapkurve zunächst steigen, während langfristige Zinsen später unter Druck geraten.
„Unsere Zinsprognose hängt derzeit vor allem vom weiteren Verlauf der Energiepreise ab. Sollten die Energiepreise weiter fallen, dürfte die Wahrscheinlichkeit weiterer Zinserhöhungen der EZB aus den Marktpreisen verschwinden, wodurch die zweijährigen Zinsen erneut sinken würden. Eine Verbesserung der Risikostimmung könnte gleichzeitig dafür sorgen, dass die Renditen zehnjähriger Anleihen in der Nähe des aktuellen Niveaus bleiben.“
„Bleiben die Energiepreise hingegen länger auf erhöhtem Niveau, wird das Bild deutlich komplexer, und vieles hängt dann vom Konjunkturausblick ab. In einem Risikoszenario, in dem die Energiepreise deutlich steigen und über viele Monate hoch bleiben, könnte die EZB gezwungen sein, die Zinsen erneut anzuheben. Höhere Inflation und höhere Leitzinsen würden kurzfristig zu einem Anstieg der Euro-Swapkurve führen.“
„Das Risiko besteht allerdings darin, dass sich der Wachstumsausblick durch hohe Energiekosten und eine straffere Geldpolitik deutlich eintrübt. In einem solchen Umfeld könnten die Märkte nach dem ersten Inflationsschock sogar eine deutlich lockerere Geldpolitik einpreisen. Zusammen mit einer schwächeren Risikostimmung an den Märkten würde ein solches Szenario die langfristigen Zinsen deutlich nach unten drücken.“
„Die Märkte begrüßen derzeit die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Konflikts im Nahen Osten, doch die Ölpreise zeigen, dass wir davon noch entfernt sind. Für 2026 sind weiterhin Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank eingepreist. Zwar haben Aktien zuletzt zugelegt, doch der Volatilitätsindex CBOE Volatility Index signalisiert weiterhin eine fragile Risikostimmung.“