Der Ölpreis steht plötzlich wieder im Mittelpunkt der Weltwirtschaft. Und die neue Ölpreis Prognose von Goldman Sachs zeigt, wie ernst die Lage wirklich ist.
Während viele Anleger noch davon ausgegangen sind, dass sich der Markt schnell beruhigt, geht die US-Investmentbank inzwischen von deutlich längeren Störungen der globalen Ölversorgung aus. Der Grund: Der Krieg zwischen den USA und Israel auf der einen Seite und dem Iran auf der anderen Seite hat einen der wichtigsten Transportwege der Welt lahmgelegt – die Straße von Hormus.
Genau hier entscheidet sich jetzt, wohin der Ölpreis in den kommenden Monaten wirklich läuft.
Goldman Sachs hat deshalb seine Prognose für das vierte Quartal 2026 nach oben korrigiert. Für Brent erwartet die Bank nun 71 US-Dollar je Barrel statt zuvor 66 Dollar. Auch die Prognose für WTI wurde angehoben – auf 67 Dollar statt bisher 62 Dollar.
Der Hintergrund ist brisant: Die Analysten gehen inzwischen davon aus, dass die Störungen im Öltransport deutlich länger anhalten werden als ursprünglich gedacht.
Die Märkte haben bereits heftig reagiert.
Seit Beginn des Kriegs am 28. Februar ist der Ölpreis für Brent um mehr als 36 % gestiegen, während der US-Ölpreis WTI sogar um rund 39 % zulegte.
Am Montag erreichten beide Referenzsorten zeitweise über 119 US-Dollar je Barrel. Das ist der höchste Stand seit Mitte 2022.
Diese Entwicklung zeigt, wie empfindlich der Ölmarkt auf geopolitische Risiken reagiert – besonders dann, wenn ein zentraler Knotenpunkt der weltweiten Versorgung betroffen ist.
Und genau das ist aktuell der Fall.
Die Kämpfe haben die Straße von Hormus faktisch lahmgelegt.
Dieser Seeweg zählt zu den wichtigsten Öltransportwegen der Welt. Ein großer Teil der globalen Rohöllieferungen passiert normalerweise genau diese Passage.
Doch derzeit sitzen Tanker seit mehr als einer Woche fest.
Gleichzeitig müssen einige Produzenten ihre Förderung bereits zurückfahren. Der Grund: Die Lagerkapazitäten nähern sich dem Limit, weil das Öl nicht mehr zuverlässig abtransportiert werden kann.
Für den Ölpreis ist das ein explosives Szenario. Wenn das Angebot nicht mehr reibungslos auf den Weltmarkt gelangt, steigt automatisch die sogenannte Risikoprämie. Genau diese Entwicklung treibt den Markt aktuell an.
In einer neuen Analyse haben die Experten von Goldman Sachs ihre Annahmen deutlich angepasst.
Die Bank geht jetzt davon aus, dass der Ölfluss durch die Straße von Hormus für 21 Tage auf nur noch etwa 10 % des normalen Niveaus sinkt.
Erst danach rechnen die Analysten mit einer 30-tägigen schrittweisen Erholung.
Das ist eine drastische Änderung gegenüber der bisherigen Prognose. Zuvor hatte Goldman Sachs lediglich mit zehn Tagen Unterbrechung gerechnet.
Diese Anpassung ist entscheidend für die aktuelle Ölpreis Prognose, denn sie verändert die gesamte Angebotslage auf dem Weltmarkt.
Im Basisszenario erwartet Goldman Sachs, dass Brent im März und April durchschnittlich bei etwa 98 US-Dollar pro Barrel liegt.
Im Laufe des Jahres soll sich die Situation jedoch entspannen.
Für das vierte Quartal prognostiziert die Bank einen Rückgang auf 71 Dollar je Barrel.
Doch es gibt auch ein deutlich bullisheres Szenario.
Sollte der Öltransport durch die Straße von Hormus für einen ganzen Monat gestört bleiben, könnte Brent laut Goldman Sachs im März und April durchschnittlich auf rund 110 Dollar steigen.
Danach würde der Preis zwar wieder zurückgehen, könnte aber immer noch bei etwa 76 Dollar landen.
Noch dramatischer wird es in einem weiteren Szenario.
Die Analysten warnen: Sollte der Ölfluss durch die Straße von Hormus bis in den März hinein stark eingeschränkt bleiben, könnten die Spotpreise sogar das historische Hoch aus dem Jahr 2008 übertreffen.
Damals lag der Ölpreis bei 147 US-Dollar pro Barrel.
Ein solcher Anstieg würde nicht nur den Energiemarkt erschüttern. Auch Inflation, Wirtschaftswachstum und Finanzmärkte weltweit könnten massiv unter Druck geraten.
Allerdings berücksichtigen die Modelle von Goldman Sachs auch mögliche Gegenmaßnahmen.
Die Bank geht davon aus, dass weltweit 254 Millionen Barrel aus strategischen Ölreserven freigegeben werden könnten.
Zusätzlich rechnet sie mit 31 Millionen Barrel aus russischen Rohölbeständen.
Diese Maßnahmen würden den Druck auf die globalen Ölbestände deutlich reduzieren. Laut Goldman Sachs könnte der Effekt auf die kommerziellen Lagerbestände dadurch um fast 50 % abgeschwächt werden.
Auch international wurde bereits reagiert.
Die Internationale Energieagentur (IEA) hat beschlossen, eine Rekordmenge von 400 Millionen Barrel Öl aus strategischen Reserven freizugeben, um den starken Preisanstieg zu bekämpfen.
Den größten Anteil an dieser Maßnahme sollen die USA bereitstellen.
Damit versuchen die Industrieländer, den Markt kurzfristig zu stabilisieren und einen weiteren massiven Anstieg beim Ölpreis zu verhindern.
Trotz dieser Maßnahmen bleibt Goldman Sachs vorsichtig.
Im Basisszenario geht die Bank davon aus, dass sich die Öltransporte durch die Straße von Hormus ab dem 21. März langsam erholen.
Allerdings erwarten die Analysten nicht, dass die IEA-Mitgliedsstaaten tatsächlich alle 400 Millionen Barrel vollständig freisetzen.
Der Grund ist eher technischer Natur.
Goldman Sachs geht davon aus, dass die OECD-Länder ihre strategischen Reserven maximal mit etwa 3 Millionen Barrel pro Tag auf den Markt bringen können.
Hinzu kommt eine weitere Annahme:
Die Freigaben dürften über einen Zeitraum von vier Wochen schrittweise reduziert werden.
Dieser Prozess würde sich bis Anfang Juni hinziehen.
In diesem Zeitraum erwarten die Analysten, dass sich der US-Ölpreis WTI wieder beruhigt und in den niedrigen 70-Dollar-Bereich zurückfällt.
Der Ölpreis befindet sich derzeit in einer der sensibelsten Phasen seit Jahren.
Die neue Ölpreis Prognose von Goldman Sachs zeigt deutlich, wie stark geopolitische Konflikte den Energiemarkt beeinflussen können.
Die Blockade der Straße von Hormus hat das Potenzial, die globale Versorgung massiv zu stören. Zwar könnten strategische Ölreserven einen Teil des Preisdrucks abfedern. Doch vollständig ausgleichen lassen sich solche Angebotsausfälle kaum.
Entscheidend wird deshalb eine einzige Frage sein: Wie lange bleibt der wichtigste Öltransportweg der Welt tatsächlich blockiert?
Davon hängt ab, ob sich der Ölpreis bald wieder beruhigt – oder ob der nächste große Preisschock bereits vor der Tür steht.