Wenn es um den Nahen Osten geht, denken die meisten Anleger sofort an Öl und Gas. Doch genau hier könnte ein gewaltiger Denkfehler liegen. Eine neue Analyse der Großbank Barclays zeigt nämlich: Die Region ist für die weltweiten Lieferketten viel wichtiger, als viele Investoren bisher glauben.
Laut Barclays liefert der Nahe Osten bei zahlreichen industriellen Vorprodukten einen überraschend großen Anteil am Welthandel. Insgesamt identifizierte Analystin Zornitsa Todorova 30 kritische Produkte, bei denen die Region mehr als 10 % des globalen Handelswertes stellt.
Das bedeutet: Wenn es dort zu größeren Störungen kommt – politisch, wirtschaftlich oder militärisch – könnten ganze Industriezweige weltweit ins Wanken geraten.
Für die Analyse wertete Barclays 2,8 Millionen Handelsrouten, 1.200 Produkte und 70 große Volkswirtschaften aus.
Das Ergebnis laut Analystin Todorova:
Die Daten zeigen „materielle, aber unterschätzte Abhängigkeiten“ in mehreren Schlüsselindustrien. Besonders betroffen sind laut Barclays:
Der entscheidende Punkt: Die Bedeutung der Region entsteht nicht nur durch Energie, sondern vor allem durch industrielle Vorprodukte, die am Anfang vieler Produktionsketten stehen.
Barclays kommt bei zentralen Rohstoffen zu bemerkenswerten Ergebnissen. Der Nahe Osten liefert laut Analyse:
Diese Materialien sind für viele Industrien unverzichtbar. Ohne sie funktionieren weder Chemiefabriken noch Bauprojekte oder landwirtschaftliche Produktionsketten reibungslos.
Barclays formuliert deshalb deutlich:
Die wirtschaftliche Abhängigkeit von der Region „geht deutlich über Energie hinaus“.
Ein Großteil dieser Rohstoffe fließt laut Analyse in drei der wichtigsten Volkswirtschaften der Welt:
Gerade diese Länder sind stark auf industrielle Rohstoffe angewiesen, um ihre riesigen Produktionsketten am Laufen zu halten. Kommt es zu Störungen, könnten Lieferketten neu organisiert werden müssen.
Die Untersuchung basiert auf den neuesten Daten der internationalen Handelsdatenbank UN Comtrade.
Barclays analysierte dabei Exporte aus neun Ländern des Nahen Ostens, darunter:
Diese Staaten spielen eine entscheidende Rolle im globalen Rohstoffhandel.
Laut Todorova gelten Produkte als „kritisch“ oder „hoch exponiert“, wenn diese neun Länder zusammen mehr als 10 % des weltweiten Angebotswertes liefern.
Ein Bereich sticht in der Analyse besonders hervor: die Chemieindustrie.
Barclays nennt mehrere Stoffe, bei denen der Nahe Osten eine zentrale Rolle spielt:
Diese chemischen Vorprodukte sind essenziell für unzählige Produkte – von Kunststoffen über Verpackungen bis hin zu Industriekomponenten.
Fällt ein großer Lieferant aus, könnte das zahlreiche Produktionsketten weltweit treffen.
Neben Chemikalien nennt Barclays auch mehrere Baustoffe, bei denen Abhängigkeiten bestehen.
Dazu gehören unter anderem:
Diese Materialien sind entscheidend für Bauprojekte, Infrastrukturprogramme und industrielle Anlagen.
Gerade in einer Phase, in der viele Länder Milliarden in Infrastruktur investieren, könnte eine Unterbrechung der Lieferketten enorme Auswirkungen haben.
Auch im Agrarsektor sieht Barclays eine klare Verwundbarkeit.
Die Analyse nennt insbesondere:
Diese Stoffe sind entscheidend für die globale Lebensmittelproduktion.
Steigende Preise oder Lieferprobleme könnten deshalb direkt auf die weltweiten Nahrungsmittelpreise durchschlagen.
Neben den großen Industriezweigen identifiziert Barclays auch kleinere, aber dennoch wichtige Abhängigkeiten.
Dazu gehören unter anderem:
Laut Barclays würden mögliche Störungen in diesen Bereichen die Versorgung zwar nicht vollständig stoppen, aber die Handelsströme wahrscheinlich neu umleiten.
Das bedeutet: Lieferketten würden sich verändern, Preise könnten steigen und Märkte müssten sich an neue Handelsrouten anpassen.
Die Analyse von Barclays zeigt deutlich: Der Nahe Osten ist weit mehr als nur ein Energielieferant.
Viele globale Industrien hängen von Rohstoffen und Vorprodukten ab, die aus dieser Region stammen. Besonders Chemie, Bau und Landwirtschaft könnten bei größeren Störungen empfindlich getroffen werden.
Die eigentliche Überraschung liegt jedoch in einem Punkt:
Diese Abhängigkeiten existieren bereits heute – werden von vielen Marktteilnehmern aber immer noch unterschätzt.