Die Devisenexpertin Thu Lan Nguyen von der Commerzbank hält die derzeit niedrige implizite Volatilität beim Währungspaar EUR/USD angesichts der als größte Bedrohung für die Energiesicherheit beschriebenen Lage für ungewöhnlich. Sie stellt einen Zusammenhang zwischen erwarteter Wechselkursvolatilität und geldpolitischen Erwartungen her und verweist darauf, dass ähnlich starke Zinsanpassungen in den USA und der Eurozone größere Differenzbewegungen begrenzen. Nguyen zeigt sich skeptischer als der Markt mit Blick auf die Reaktionsfähigkeit der Europäischen Zentralbank und sieht Spielraum für Korrekturen sowie stärkere Ausschläge beim EUR/USD.
"... die derzeit im Optionsmarkt eingepreisten impliziten Wechselkursvolatilitäten sind fast schon erstaunlich niedrig. Die implizite Dreimonatsvolatilität für EUR/USD liegt deutlich unter dem Niveau zu Beginn der Krisen in den Jahren 2020 und 2022 oder sogar kurz nach dem Liberation Day im vergangenen Jahr. Wie lässt sich das erklären, und ist das gerechtfertigt?"
"Die Quelle der (erwarteten) Volatilität liegt in der Regel in den Erwartungen hinsichtlich der Geldpolitik. Wird eine starke geldpolitische Reaktion erwartet – also deutliche Zinssenkungen oder -erhöhungen –, sodass mit einer erheblichen Veränderung des Zinsdifferenzials zwischen Währungen gerechnet werden muss, dann kommt es entsprechend auch zu einer Neubewertung des Wechselkurses. Je größer die erwartete Veränderung des Zinsdifferenzials, desto stärker fällt auch die Wechselkursbewegung aus."
"Auch die Zinserwartungen für die USA und die Eurozone haben sich mit dem Ausbruch des Iran-Kriegs deutlich verändert. Der Umfang der Zinsanpassungen in beiden Währungsräumen ist derzeit jedoch recht ähnlich (etwas mehr als 50 Basispunkte). Eine deutliche Veränderung des Zinsdifferenzials wird daher nicht erwartet."
"Möglicherweise wird die Europäische Zentralbank diesmal nicht abwarten, bis sich die Inflation bereits dem zweistelligen Bereich nähert, bevor sie die Zinsen anhebt. Allerdings dürfte die Hürde für Zinserhöhungen höher liegen, als der Markt derzeit annimmt."
"Insofern besteht Potenzial für eine Korrektur und damit auch Spielraum für stärkere Wechselkursbewegungen."