ING-Ökonomen Carsten Brzeski und Franziska Biehl erwarten zwar, dass die Inflation in Deutschland über 3 % steigt und bis zum Jahresende erhöht bleibt. Eine Wiederholung des zweistelligen Preisschubs aus dem Jahr 2022 halten sie jedoch für unwahrscheinlich. Schwache Nachfrage, ein weicherer Arbeitsmarkt und aufgebrauchte Pandemie-Ersparnisse begrenzen die Preissetzungsmacht. Unternehmen müssten Kostendruck daher eher über niedrigere Gewinne auffangen, statt ihn vollständig an Verbraucher weiterzugeben.
„Auch wenn die Inflation in den kommenden Monaten weiter steigen dürfte, möglicherweise auf über 3 % und bis zum Jahresende erhöht bleibt, erscheint eine Rückkehr zu einer Inflation wie 2022 weiterhin unwahrscheinlich. Einige Zweitrundeneffekte von Energiekosten auf andere Güter sind zu erwarten, auch wenn sie bislang noch nicht sichtbar sind. Die Bedingungen, die vor vier Jahren eine breit angelegte Inflation ermöglichten, sind derzeit jedoch nicht gegeben.“
„Der Arbeitsmarkt hat sich abgeschwächt, wodurch starke Lohnerhöhungen weniger Priorität haben als Jobsicherheit. Auch die Pandemie-Ersparnisse sind aufgebraucht. Kurz gesagt: Die finanzielle Fähigkeit und Bereitschaft, höhere Preise zu zahlen, ist deutlich geringer als nach der Pandemie. Dadurch stoßen Unternehmen offenbar an Grenzen ihrer Preissetzungsmacht, die es 2022 schlicht nicht gab.“
„Weiter oben in der Produktionskette mag Preissetzungsmacht noch vorhanden sein, doch sie verschwindet zunehmend, bevor sie beim Verbraucher ankommt. Daraus ergeben sich zwei wichtige Schlussfolgerungen: Erstens bleibt eine Weitergabe höherer Energiepreise an den Endverbrauch und damit an die Inflation unwahrscheinlich. Zweitens muss jemand anderes die Rechnung tragen, wenn der Verbraucher sie nicht bezahlt.“
„Selbst wenn das Inflationsumfeld in den kommenden Monaten schwieriger wird, unterscheidet sich die Dynamik grundlegend von jener während der letzten Energiekrise. Im Jahr 2022 galten Gewinne weithin als Teil des Inflationsproblems, woraus Begriffe wie ‚Gierflation‘ und ‚Shrinkflation‘ entstanden. Diesmal sieht es so aus, als würden Gewinne - oder besser gesagt schrumpfende Margen - den Inflationsdruck dämpfen, nicht verstärken.“
„Der Krieg im Nahen Osten und stark steigende Energiepreise haben die Gesamtinflation im Euroraum nach oben getrieben. In Deutschland war der Effekt nur vorübergehend, weil der zweimonatige Tankrabatt der Regierung den Preisanstieg begrenzen half. Mit 2,9 % lag die Inflation im August rund einen Prozentpunkt höher als im Februar, aber weiterhin weit entfernt von den zweistelligen Raten während der Energiekrise 2022.“