Der Chefanalyst von Nordea, Jan von Gerich, sieht die Europäische Zentralbank (EZB) nach ihrer jüngsten Entscheidung unter wachsendem Handlungsdruck. Zwar habe die Notenbank die Zinsen wie erwartet unverändert gelassen, zugleich aber signalisiert, bei steigenden Energiepreisen schneller zu reagieren, sollten diese die Inflation breiter antreiben. Ein anhaltender Krieg im Nahen Osten könnte demnach eine Zinserhöhung bereits auf die kommenden Sitzungen vorziehen, wobei der Juni als entscheidender Termin gilt.
„Die EZB hat die Zinsen wie erwartet unverändert gelassen, ist aber bereit zu handeln, um sowohl den Aufwärtsrisiken für die Inflation als auch den Abwärtsrisiken für das Wachstum durch den Krieg im Nahen Osten zu begegnen. Während die Unsicherheit deutlich zugenommen hat, ist das Risiko von Zinserhöhungen bereits bei den nächsten Sitzungen spürbar gestiegen.“
„Mit anderen Worten: Die EZB verfolgt die Entwicklung des Konflikts genau sowie die Frage, ob höhere Energiepreise auf breitere Verbraucherpreise und Inflationserwartungen übergreifen. Die zentrale Frage ist, ob sie die Geduld hat, auf Anzeichen einer breiteren Inflation zu warten, oder ob eine längere Phase hoher Energiepreise bereits ausreicht, um eine Zinserhöhung auszulösen.“
„Unser Basisszenario war bislang, dass die EZB die Zinsen erst im kommenden Jahr anhebt. Die Risiken für diese Prognose haben jedoch deutlich zugenommen. Sollte der Krieg im Nahen Osten nicht in den nächsten Wochen enden und die Energiepreise nicht zurückgehen, werden wir den ersten Zinsschritt voraussichtlich deutlich vorziehen, möglicherweise auf die Juni-Sitzung.“
„Die Finanzmärkte haben einen weiteren äußerst volatilen Tag erlebt, allerdings sind die Zinsen während der EZB-Pressekonferenz etwas zurückgegangen. Dennoch ist eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte bis zur Juni-Sitzung vollständig eingepreist, während bis Jahresende insgesamt rund 60 Basispunkte an Straffung erwartet werden.“