Die europäischen Gaspreise dürften nach Einschätzung von Commerzbank-Analyst Norman Liebke auch im kommenden Winter auf einem erhöhten Niveau bleiben. Ein begrenztes Angebot an Flüssigerdgas (LNG) und unterdurchschnittlich gefüllte Gasspeicher machen Europa zunehmend von kurzfristig verfügbaren LNG-Lieferungen abhängig. Ein besonders kalter Winter oder rückläufige Importe könnten die Preise weiter nach oben treiben. Allerdings gibt es auch Faktoren, die gegen eine Wiederholung der extremen Preissprünge von 2022 sprechen. Dazu zählen der geringere Gasverbrauch in der Europäischen Union und der Ausbau der weltweiten LNG-Kapazitäten.
„Die europäischen Gaspreise dürften in diesem Winter erhöht bleiben, da sich der Wettbewerb um Flüssigerdgas verschärft. Gleichzeitig könnten die niedrigen Speicherstände und die daraus resultierende stärkere Abhängigkeit von hohen LNG-Importen zusätzliche Preissteigerungen auslösen. Ein kälterer Winter oder ein Rückgang der LNG-Lieferungen könnte die Preise beispielsweise noch weiter in die Höhe treiben. Allerdings ist die Lage nicht aussichtslos: Der Gasverbrauch liegt weiterhin unter dem Niveau früherer Jahre. Zudem könnte ein milderer Winter in Nordamerika und Asien für eine zusätzliche Entlastung des Marktes sorgen.“
„Mit Blick auf das kommende Jahr erwarten wir einen deutlichen Preisrückgang auf etwa 50 Euro je Megawattstunde. Ausschlaggebend dafür dürfte vor allem eine Entspannung des Konflikts im Nahen Osten sein. Eine Rückkehr zu den Gaspreisen vor dem Krieg halten wir allerdings für unwahrscheinlich. Zwar dürfte der Kapazitätsausbau im Jahr 2027 den Produktionsausfall von 2026 ausgleichen. Das Angebot aus Katar wird voraussichtlich jedoch bis 2028 eingeschränkt bleiben, da mittelfristig 17 Prozent der dortigen Produktionskapazitäten wegfallen.“
„Da die europäischen Gasspeicher vergleichsweise schwach gefüllt sind, dürften die vorhandenen Vorräte selbst bei einem geringeren Verbrauch kaum ausreichen, um die Region ohne größere Schwierigkeiten durch den Winter zu bringen. Das Zusammenspiel aus reduziertem LNG-Angebot und niedrigen Speicherständen führt dazu, dass Europa während der Wintermonate stärker auf flexibel verfügbare Flüssigerdgaslieferungen angewiesen ist. Nach unseren Berechnungen würden die europäischen Speicherstände bei einem durchschnittlichen Winter und regulären LNG-Lieferungen von rund elf Milliarden Kubikmetern pro Monat bis Ende März kommenden Jahres auf etwa 22 Prozent sinken.“