EZB auf Crashkurs: Zinssenkung trotz Inflation, Krieg und naiver Politik - Rabobank

Investing.com
Aktualisiert um 30. Mai 2024 02:12
Mitrade Team

Investing.com – Die Aussagen von EZB-Chefökonom Philip Lane über eine mögliche Zinssenkung im Juni und Juli sind bestenfalls naiv, so das vernichtende Urteil des Rabobank-Analysten Michael Every.


Lane behauptete am Montag: „Der Großteil der EU-Inflation ist auf einen Schock bei der Energieversorgung zurückzuführen, der nun abklingt.“


Every ist da ganz anderer Ansicht: "Was er verschweigt, ist, dass die Inflation bei den europäischen Dienstleistern weiterhin grassiert. Die Tatsache, dass er von einem steinigen Weg spricht, der vor uns liegt, deutet darauf hin, dass die EZB keine Ahnung hat, wie sie das Wirtschaftsschiff steuern soll. Erinnern wir uns an George W. Bushs "Mission Accomplished" Erklärung – ein klarer Fall von Fehleinschätzung, die nur ins Desaster führen kann."


Every macht deutlich, dass die Zentralbanken, einschließlich der EZB, ihr Verständnis von Inflation überdenken müssen. Denn die neuen inflationären Tendenzen kommen aus ganz anderen Richtungen.


„Vereinfacht gesagt, geht es jetzt um ‚Flugzeuge, Getreide und Autos - sowie Kryptowährungen‘“, sagt Every.


Europas Verteidigungspläne vor dem Kollaps!


Every zitiert den Economist: „Der Plan zur Wiederbewaffnung der Ukraine hat einen explosiven Schwachpunkt aufgedeckt."


Und schreibt: "Es mangelt nicht nur an qualifizierten Arbeitskräften, sondern auch an Sprengstoff. Das ist ein struktureller Schock für Angebot und Nachfrage, der Europa zwingt, für die gleiche Menge an Verteidigungsgütern mehr auszugeben. Was wird wohl passieren, wenn die EU anstatt 1,5 % ihres BIP für Verteidigung 3,5 % ausgeben muss, was dann? „Mission Accomplished“ in Sachen Inflation? Wohl kaum. Und mit diesem Problem steht Europa nicht alleine da. Die USA, das Vereinigte Königreich und Australien haben ebenso Probleme mit der Lieferkette der Verteidigungsindustrie."


Getreidepreise im Höhenflug: Was, wenn Russland die Ukraine übernimmt?


Die Getreidepreise schießen in die Höhe, der CBOT-Kassamarkt für Weizen liegt jetzt bei 7 US-Dollar pro Scheffel. Die schlechten Witterungsbedingungen und die russische Kontrolle über den Markt treiben die Preise hoch. „Was würde wohl passieren, wenn Russland sich die ukrainische Getreideproduktion durch Eroberung einverleibt?“, fragt Every. Die Konsequenzen für die globalen Märkte wären verheerend, besonders für die schwächeren Volkswirtschaften, die der EU nahestehen.


EU vor Automobilkrise: Chinesische Elektroautos könnten deutsche Industrie zerstören!


Europa denkt indes darüber nach, wie hoch die Zölle auf chinesische Elektroautos ausfallen sollen. Die USA haben bereits reagiert und die Zölle von 25 % auf 100 % angehoben. Every schreibt:


"Laut Financial Times werden chinesische Marken auf die hohen US-Zölle reagieren, indem sie die EU-Verbraucher mit Luxusmodellen ansprechen: das höchste Ende der Wertschöpfungskette mit den saftigsten Gewinnen."


Das würde zwangsläufig bedeuten, dass europäische Mittel- und Oberklassewagen zum Ladenhüter werden. Deutschland steht möglichen Strafzöllen skeptisch gegenüber, denn China ist der wichtigste Handelspartner.


Every gibt zu bedenken:


"Aber wenn Europa seine Automobilindustrie als Wirtschaftsmotor verliert, dann wird es auch nicht in der Lage sein, Granaten oder andere militärische Güter zu produzieren. Und was dann?"


Auf den Philippinen zeigt sich bereits das ganze Ausmaß des Desasters, vor dem die Welt steht, wie Every erläutert:


"Die Philippinen fordern die USA und den Westen auf, die bilateralen Handels- und Investitionsbeziehungen zu stärken, um den Rückgang der chinesischen Kapitalzuflüsse zu kompensieren. Die Regierung kann nur dann in die Verteidigung investieren, wenn die Wirtschaft floriert."


Ohne eine starke Wirtschaft wird es keine angemessenen Verteidigungsausgaben geben, nirgends.


Trump schützt Krypto-Rechte: Droht ein inflationärer Albtraum?


Trump hat versprochen, das Recht der Amerikaner auf Kryptowährungen zu schützen und auf eine digitale Zentralbankwährung zu verzichten. Eine Entwicklung, die ebenfalls inflationär ist. Denn wenn aus dem digitalen Vakuum heraus Vermögenswerte mit einer Marktkapitalisierung von Billionen Dollar entstehen und diese in die Realwirtschaft ließen, dann ist das nichts anderes, als wenn die Zentralbank neues Geld druckt.


"Eine zweite Amtszeit von Trump ist nicht nur in Bezug auf höhere Zölle und größere Steuersenkungen inflationär, sondern auch in Bezug auf die Möglichkeit der Amerikaner, ihr eigenes Kryptogeld zu Hause zu erzeugen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Inflationsmodelle der Zentralbanken die stark preistreibenden Auswirkungen des Kryptowährungswahnsinns, den wir vor ein paar Jahren erlebt haben, berücksichtigen. Aber das sollten sie jetzt tun. Es wird einen hohen Zinssatz brauchen, um einige davon abzuhalten, auf Krypto zu setzen, in der Hoffnung, sich im gegenwärtigen, sich selbst zerfleischenden US-Wirtschaftssystem über Wasser zu halten."


Abschließend kommentiert Every, dass China dem Westen bezüglich der Gegenalternativen weit voraus ist. Das Politbüro spricht von neuen Finanzvorschriften. Diese dürften dem Markt nicht gefallen, aber sie dienen dem langfristigen Ziel, den geopolitischen Einfluss auszubauen. Und während die Wall-Street-Analysten noch darüber nachdenken, wie sie diese Entwicklung interpretieren sollen, bleibt eine Sache klar: Die Welt steht vor einer neuen Ära der wirtschaftlichen und geopolitischen Unsicherheit, und die Zentralbanken haben offenbar keinen Plan, wie sie damit umgehen sollen.


Wer also glaubt, dass das Inflationsgespenst besiegt ist, der setzt bei seinen Investmententscheidungen mit Sicherheit auf das falsche Pferd. Wenn Every Recht behält, dann werden wir nicht nur neue Inflationshochs, sondern auch weitere Zinshochs zu sehen bekommen.

Der oben präsentierte Inhalt, ob von einer Drittpartei oder nicht, wird lediglich als allgemeiner Rat betrachtet. Dieser Artikel sollte nicht als enthaltend Anlageberatung, Investitionsempfehlungen, ein Angebot oder eine Aufforderung für jegliche Transaktionen in Finanzinstrumenten ausgelegt werden.

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