TradingKey – Am 19. August (US-Ostküstenzeit) gab Broadcom (AVGO) den vierten Handelstag in Folge nach und fiel nahe an die wichtige Unterstützung von 360 US-Dollar.
Berichten zufolge kündigten Marvell Technology und Google heute eine Partnerschaft für kundenspezifische Chips an. Dabei wurden Google Optionsscheine (Warrants) zum Kauf von bis zu 58,97 Millionen Aktien zu einem Ausübungspreis von 206,58 US-Dollar pro Aktie gewährt, was einem Gesamtwert von rund 12,18 Milliarden US-Dollar entspricht. Die beiden Parteien hatten am 29. Juli eine kommerzielle Vereinbarung unterzeichnet, wonach Marvell kundenspezifische Chipprodukte für Google bereitstellen wird; die spätere Zuteilung der Optionsscheine ist zudem an den Umsatz mit den aus der Partnerschaft hervorgehenden Produkten gekoppelt.
Diese Partnerschaft stärkt die langfristige Bindung von Google an Marvell und hat den Markt zugleich veranlasst, die Position von Broadcom in der Lieferkette für KI-Chips von Google neu zu bewerten. Über lange Zeit setzte Google vor allem auf Broadcom, um die eigenen TPUs zu entwickeln. Sowohl Marvell als auch Broadcom können kundenspezifische Chiplösungen in serienreife Produkte umsetzen und Backend-Unterstützung bieten, bevor die Fertigung in Auftragsgießereien wie TSMC erfolgt.
Vor diesem Hintergrund gab der Aktienkurs von Broadcom um mehr als 5 % nach. Dies spiegelt nicht die Annahme des Marktes wider, dass bestehende Aufträge unmittelbar verloren gehen, sondern vielmehr die Sorge, dass Google weitere Partner für kundenspezifische Chips hinzuziehen könnte, was die Verteilung künftiger Zusatzaufträge verändern würde. Da Cloud-Anbieter die eigene Entwicklung von KI-Chips beschleunigen, steht die ursprüngliche Ausnahmestellung von Broadcom als „Kernlieferant“ vor einer Neubewertung.

Aktienkurschart von Broadcom, Quelle: TradingView
Bemerkenswert ist, dass Goldman Sachs in der Vorschau auf die Zahlen für das zweite Quartal die Einstufung für Broadcom auf „Kaufen“ mit einem Kursziel von 525 US-Dollar belassen hat. Die Bank vertritt die Auffassung, dass die Bedenken des Marktes hinsichtlich des ASIC-Wettbewerbs übertrieben sind und die aktuellen Erwartungen ein konservatives Niveau erreicht haben. Goldman Sachs prognostiziert für das Geschäftsjahr 2026 KI-Umsätze von Broadcom in Höhe von rund 57 Milliarden US-Dollar, was weitgehend dem Marktkonsens entspricht, während die KI-Umsätze im Geschäftsjahr 2027 die Marke von 133 Milliarden US-Dollar erreichen könnten – 12 % über dem Konsens.
Goldman Sachs betont, dass der Markteintritt von Anbietern wie MediaTek und AMD in den ASIC-Markt zwar die Sorgen der Anleger vor verstärktem Wettbewerb und Marktanteilsverlusten geschürt hat, der Burggraben von Broadcom jedoch nicht nur in den Fähigkeiten beim Chipdesign besteht, sondern auch in der Großserienproduktion, zuverlässigen Lieferfähigkeit und langjährigen Zusammenarbeit mit Hyperscalern. Bei kundenspezifischen XPUs sind die Wechselkosten für den Kunden hoch, sobald ein Partner gewählt ist und die Serienproduktion anläuft. Daher dürften sich die Auswirkungen der Konkurrenz eher bei Neuaufträgen bemerkbar machen, statt bestehendes Geschäft rasch zu verdrängen.
Darüber hinaus hob Goldman Sachs hervor, dass der Markt das Wachstum des Netzwerkgeschäfts von Broadcom unterschätzen könnte. Da KI-Cluster von tausenden auf zehntausende Chips anwachsen, macht der Netzwerkbereich einen immer größeren Anteil an den Kosten der KI-Infrastruktur aus, wovon Switch-Chips wie der Tomahawk 6 profitieren dürften. Eine weitere wesentliche Hürde für den Ausbau der KI-Infrastruktur ist nicht die Nachfrage, sondern physische Kapazitäten wie Grundstücksflächen, Stromversorgung und Rechenzentrumseinrichtungen. Dies macht Anbieter mit ausgereiften Lieferkapazitäten und gefestigten Kundenbeziehungen umso wertvoller.
Für Broadcom werden nach Veröffentlichung der Quartalszahlen vor allem die Prognose für die KI-Umsätze im Geschäftsjahr 2027, das ASIC-Wettbewerbsumfeld sowie die Bereitschaft der Kunden bei der Bereitstellung von Rechenzentren im Fokus stehen. Die Partnerschaft zwischen Marvell und Google hat zwar das Narrativ des Marktes bezüglich der Liefersituation verändert, aus Sicht von Goldman Sachs sind die Vorteile von Broadcom bei den Fertigungskapazitäten in der Serienproduktion, im Netzwerkgeschäft und bei den Kundenbeziehungen jedoch nicht grundlegend erschüttert.