Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte die Geldpolitik früher als bisher erwartet straffen, so die neueste Reuters-Umfrage unter Ökonomen.
Die Umfrage ergab, dass 74 von 80 Ökonomen erwarten, dass die EZB ihren Einlagensatz bei der Sitzung am 11. Juni auf 2,25 % anhebt, gegenüber 59 von 70 Ökonomen in der Mai-Umfrage. Diese Verschiebung unterstreicht einen wachsenden Konsens zugunsten einer strafferen Geldpolitik, da die Inflationsrisiken weiterhin bestehen.
Die Erwartungen für den Rest des Jahres sind ebenfalls hawkischer geworden. Reuters berichtete, dass nun 49 von 80 Ökonomen zwei weitere Zinserhöhungen im Jahr 2026 prognostizieren, verglichen mit 34 von 70 in der vorherigen Umfrage.
Unter den befragten Ökonomen gaben 28 von 42 an, dass das Risiko einer Stagflation in diesem Jahr hoch sei, ein Szenario, das durch schwaches Wirtschaftswachstum bei gleichzeitig anhaltender Inflation gekennzeichnet ist. Eine solche Kombination könnte die geldpolitischen Entscheidungen der Europäischen Zentralbank in den kommenden Monaten weiter erschweren.
Der Euro reagierte nur moderat auf die Reuters-Umfrage, doch die Marktauswirkungen bleiben begrenzt, da die Anleger eine Zinserhöhung der EZB im Juni bereits weitgehend eingepreist hatten. EUR/USD notiert zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels am Mittwoch bei rund 1,1620 und liegt damit 0,11 % unter dem Vortag, was darauf hindeutet, dass die Umfrage wenig zur Veränderung des breiteren Marktausblicks für die EZB-Politik beigetragen hat.
Die Europäische Zentralbank (EZB), mit Sitz in Frankfurt am Main, steuert die Geldpolitik der Eurozone. Ihr Hauptziel ist die Preisstabilität, definiert durch eine Inflationsrate von rund 2 %. Durch Anpassungen der Zinssätze beeinflusst die EZB maßgeblich den Wechselkurs des Euros, der tendenziell durch höhere Zinsen gestärkt und durch niedrigere geschwächt wird.
In extremen Situationen kann die Europäische Zentralbank ein Instrument namens Quantitative Easing (QE) einsetzen. QE bedeutet, dass die EZB Euros druckt und diese verwendet, um Vermögenswerte – in der Regel Staats- oder Unternehmensanleihen – von Banken und anderen Finanzinstitutionen zu kaufen. QE führt in der Regel zu einer Abschwächung des Euros. Es wird als letztes Mittel eingesetzt, wenn Zinssenkungen allein das Ziel der Preisstabilität nicht erreichen können. Die EZB setzte QE während der Finanzkrise 2009-2011, 2015 bei anhaltend niedriger Inflation und während der COVID-19-Pandemie ein.
Quantitative Straffung (QT) ist das Gegenteil von QE: Statt Staatsanleihen zu kaufen, stellt die EZB den Ankauf ein und reinvestiert fällige Beträge nicht mehr. Dies wirkt sich in der Regel positiv auf den Euro aus, da es die Liquidität am Markt verringert.