Der Ölpreis explodiert – und kaum jemand hat es kommen sehen. Noch vor wenigen Wochen sprach der Markt von einem möglichen Überangebot. Jetzt drehen gleich mehrere große Investmenthäuser ihre Prognosen nach oben. Der Grund: Der Konflikt rund um den Iran bringt den globalen Ölfluss ins Wanken – und trifft mit der Straße von Hormus genau den sensibelsten Punkt des gesamten Energiemarktes.
Die Lage ist ernst. Die Straße von Hormus, durch die ein erheblicher Teil der weltweiten Ölversorgung läuft, steht massiv unter Druck. Tanker können nur noch eingeschränkt passieren, teilweise kommt der Verkehr nahezu zum Stillstand. Genau das sorgt aktuell für extreme Nervosität am Markt.
Die Schweizer Großbank UBS spricht davon, dass der Ölmarkt „auf der Kippe“ steht. Laut Stratege Jon Gordon ist die Situation so angespannt wie lange nicht mehr. Die fehlenden Fortschritte bei der Entschärfung dieses globalen Engpasses treiben den Ölpreis nach oben. Brent kletterte zwischenzeitlich bereits auf über 102 US-Dollar.
Und das ist erst der Anfang.
UBS hat ihre Erwartungen deutlich nach oben angepasst. Konkret rechnet die Bank nun mit einem Ölpreis von rund 90 US-Dollar pro Barrel bis Ende Juni. Danach soll sich die Lage zwar etwas beruhigen, doch selbst bis Ende 2026 werden noch etwa 85 US-Dollar erwartet. Erst Anfang 2027 könnte der Ölpreis wieder in Richtung 80 US-Dollar fallen.
Doch entscheidend ist der Trend: Laut UBS zeigt der Ölpreis aktuell klar nach oben. Die Begründung ist simpel – und beunruhigend zugleich. Es gibt immer mehr Angebotsprobleme, während gleichzeitig kaum freie Förderkapazitäten vorhanden sind.
Besonders alarmierend ist die Lage direkt vor Ort. Laut UBS ist die Beladung von Tankern in der Straße von Hormus nahezu zum Erliegen gekommen. Gleichzeitig laufen alternative Routen bereits am Limit.
Das bedeutet: Selbst wenn genug Öl gefördert wird, kommt es nicht mehr zuverlässig auf den Weltmarkt.
Ein möglicher Notfallplan wären strategische Reserven. Doch auch hier gibt es Grenzen. Selbst wenn rund 400 Millionen Barrel aus OECD-Reserven freigegeben würden, könnte das den Ausfall nicht vollständig ausgleichen. Der Grund: Die Geschwindigkeit reicht nicht aus. Produktionsausfälle könnten bei bis zu 10 Millionen Barrel pro Tag liegen.
Der steigende Ölpreis bleibt nicht auf Rohöl beschränkt. Laut UBS könnten vor allem raffinierte Produkte noch stärker unter Druck geraten.
Diesel, Kerosin und Flüssiggas dürften weiter steigen – möglicherweise sogar schneller als der Ölpreis selbst.
Das ist brisant. Denn genau diese Produkte treiben weltweit Transportkosten, Industriepreise und letztlich die Inflation.
Die große Frage ist jetzt: Wie lange bleibt der Ölpreis auf diesem Niveau?
Die Antwort von UBS ist eindeutig. Die Kombination aus geopolitischem Risiko, begrenztem Angebot und schwachen Reserven spricht dafür, dass der Ölpreis länger hoch bleibt.
Selbst wenn sich die Lage kurzfristig beruhigt und die Straße von Hormus wieder geöffnet wird, könnte sich der Markt nicht sofort entspannen.
Auch Barclays schlägt in die gleiche Kerbe. Die Bank hat ihre Ölpreis-Prognose ebenfalls angehoben und sieht einen strukturellen Wandel.
Für 2026 erwartet Barclays nun rund 84 US-Dollar pro Barrel. Noch wichtiger: Langfristig könnte sich der Ölpreis bei etwa 80 US-Dollar stabilisieren – deutlich höher als die zuvor erwarteten 70 US-Dollar.
Das bedeutet: Der Markt könnte sich dauerhaft auf ein neues, höheres Preisniveau einstellen.
Barclays liefert auch konkrete Zahlen. Rund 8 Millionen Barrel Ölproduktion pro Tag sind im Nahen Osten derzeit ausgefallen. Zusätzlich gibt es massive Störungen bei Flüssigbrennstoffen und LNG.
Das verändert die gesamte Marktlogik. Aus Angst vor einem Überangebot ist plötzlich eine echte Knappheit geworden.
Hinzu kommt: Lagerbestände müssen wieder aufgebaut werden. Auch das erhöht die Nachfrage zusätzlich – und treibt den Ölpreis weiter nach oben.
Ein oft übersehener Punkt: Auch die Raffinerien geraten unter Druck. Barclays hat seine Prognose für die Raffineriemargen um über 110 % angehoben – auf rund 11 US-Dollar pro Barrel.
Das zeigt, wie angespannt die gesamte Energieversorgung aktuell ist. Es geht längst nicht mehr nur um Rohöl.
Auch die US-Bank Mizuho sieht kaum noch Spielraum nach unten. Die Prognosen für 2026 wurden deutlich angehoben.
Brent wird nun bei rund 73,25 US-Dollar gesehen, WTI bei 68,25 US-Dollar. Doch viel wichtiger ist die Einschätzung dahinter.
Selbst kurze Ausfälle haben massive Auswirkungen. Schon ein Monat mit rund 7,1 Millionen Barrel weniger Produktion pro Tag würde das erwartete Überangebot für 2026 deutlich reduzieren.
Ein drastischer Einbruch des Ölpreises in Richtung 50 US-Dollar gilt laut Mizuho inzwischen als nahezu ausgeschlossen.
Stattdessen könnte sich der Markt im Bereich von 70 bis 75 US-Dollar stabilisieren – selbst bei einer teilweisen Entspannung.
Die entscheidende Frage bleibt: Wird der Ölpreis langfristig strukturell höher?
Mizuho sagt klar: Die Wahrscheinlichkeit steigt. Aber es ist noch zu früh für ein endgültiges Urteil.
Interessant ist auch der Blick auf andere Märkte. UBS sieht Gold weiterhin als wichtigen Schutz in diesem Umfeld.
Steigende Energiepreise, geopolitische Unsicherheit und Marktstress machen Gold wieder attraktiver. Gleichzeitig bleiben Energie-Investments im Fokus.
Der Ölpreis hat sich in kürzester Zeit komplett gedreht. Aus einem scheinbar entspannten Markt ist ein hochsensibles System geworden, das jederzeit weiter eskalieren kann.
UBS, Barclays und Mizuho sind sich einig: Der Ölpreis dürfte höher bleiben als viele erwarten.
Für dich bedeutet das: Der Ölpreis ist zurück im Zentrum der Märkte. Und diesmal könnte die Bewegung nachhaltiger sein, als es auf den ersten Blick scheint.