TradingKey - Der Markt für KI-Chips weitet sich allmählich von den von Nvidia dominierten Allzweck-GPUs auf maßgeschneiderte Beschleuniger aus, die von Cloud-Computing-Riesen intern entwickelt werden. Vor diesem Hintergrund haben sich Broadcom (AVGO) und Marvell Technology (MRVL) zu zwei der am genauesten beobachteten Aktien für maßgeschneiderte KI-Chips am US-Markt entwickelt.
Die beiden Unternehmen weisen viele geschäftliche Gemeinsamkeiten auf; beide bieten großen Cloud-Computing-Konzernen wie Google (GOOGL) und Amazon (AMZN) maßgeschneiderte Chips, Hochgeschwindigkeits-Interconnects und Rechenzentrumslösungen an. Allerdings gibt es zwischen den beiden deutliche Unterschiede hinsichtlich Geschäftsumfang, Kundenstruktur und Wachstumsphase.
Broadcom verfügt über ein reiferes Geschäft mit maßgeschneiderten Chips, eine breitere Kundenbasis und eine stärkere Profitabilität. Marvell ist zwar kleiner dimensioniert, sein KI-Geschäft wächst jedoch schneller, und das Unternehmen konnte sich kürzlich eine bedeutende Partnerschaft für maßgeschneiderte KI-Chips von Google sichern.
Deuten die positiven Signale aus den jüngsten Ergebnissen von Marvell vor den anstehenden Quartalszahlen von Broadcom auf eine anhaltende Beschleunigung im KI-Geschäft von Broadcom hin? Welcher Titel ist unter Berücksichtigung der Ertragssicherheit für dieses Jahr und der künftigen Wachstumselastizität attraktiver: Broadcom oder Marvell?
Das größte Highlight im zweiten Geschäftsquartal von Marvell war nicht nur das fortgesetzte Umsatzwachstum, sondern auch die anhaltende Beschleunigung des KI-Geschäfts.
Der Umsatz des Unternehmens stieg im zweiten Quartal im Jahresvergleich um 37 % auf 2,74 Milliarden US-Dollar. Dabei erreichte der Umsatz im Rechenzentren-Geschäft 2,2 Milliarden US-Dollar – ein Plus von 46 % gegenüber dem Vorjahr, womit er das Gesamtumsatzwachstum spürbar übertraf. Das Unternehmen erwartet für das dritte Quartal einen Umsatz von rund 3,15 Milliarden US-Dollar, was darauf hindeutet, dass das Wachstum im Quartalsvergleich weiterhin hoch bleiben wird.
Zudem hob Marvell seine mittel- bis langfristigen Umsatzziele erneut an. Derzeit rechnet das Unternehmen für das Geschäftsjahr 2027 mit einem Umsatz von rund 12 Milliarden US-Dollar und für das Geschäftsjahr 2028 mit etwa 18 Milliarden US-Dollar – nach zuvor angestrebten Werten von rund 11,5 Milliarden beziehungsweise 16,5 Milliarden US-Dollar. Das Management geht davon aus, dass sich das Geschäft mit maßgeschneiderten Chips in der zweiten Hälfte des Geschäftsjahres 2027 deutlich beschleunigen wird.
Unterdessen senden das 46-prozentige Umsatzwachstum von Marvell im Rechenzentren-Bereich, die anhaltend starken KI-Aufträge und die erwartete weitere Beschleunigung des Geschäfts mit maßgeschneiderten Chips positive Branchensignale für Broadcom, das kurz vor der Vorlage seiner Quartalszahlen steht.
Die Ergebnisse von Marvell zeigen, dass Cloud-Computing-Unternehmen ihre Investitionen in die KI-Infrastruktur nicht wesentlich reduziert haben. Maßgeschneiderte Beschleuniger, Hochgeschwindigkeits-Switch-Chips, optische Verbindungen und Speicher-Controller befinden sich weiterhin in einer Phase steigender Nachfrage. Daher wird auch für Broadcoms Umsätze mit Google-TPUs, KI-Netzwerken und anderen maßgeschneiderten XPU-Projekten eine weiterhin starke Entwicklung erwartet.
FactSet erwartet für dieses Quartal einen Umsatz von Broadcom von rund 29,49 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg von etwa 85 % gegenüber dem Vorjahr entspricht, bei einem erwarteten bereinigten Ergebnis je Aktie von 3,24 US-Dollar. In Kombination mit den jüngsten Ergebnissen von Marvell und Nvidia (NVDA) besteht eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, dass Broadcom die Markterwartungen erfüllen oder leicht übertreffen wird.
Die Reaktion des Marvell-Aktienkurses nach den Zahlen war jedoch auch eine Warnung: Für Unternehmen, die bereits als zentrale KI-Profiteure gelten, reicht das bloße Übertreffen der Konsensschätzungen womöglich nicht aus, um den Aktienkurs anzutreiben, und die Prognose des Managements für die künftigen KI-Umsätze wird eine noch entscheidendere Rolle spielen.
Im Vergleich zu Marvell liegen die deutlichsten Vorteile von Broadcom in seiner Unternehmensgröße, seinem Kundenstamm und seiner Profitabilität.
Broadcom ist seit Langem ein Schlüsselpartner großer Cloud-Computing-Unternehmen bei der Entwicklung maßgeschneiderter KI-Chips, wobei die TPU von Google eines der repräsentativsten Projekte ist. Darüber hinaus baut das Unternehmen seine Partnerschaften mit Meta, OpenAI und anderen großen KI-Kunden aus.
Diese Partnerschaften sind in der Regel keine einmaligen Chip-Bestellungen, sondern langfristige Projekte über mehrere Produktzyklen hinweg. Da die Kunden ihre KI-Modelle und ihre Rechenzentrumsinfrastruktur kontinuierlich aufrüsten, erzielt Broadcom durch maßgeschneiderte Beschleuniger der nächsten Generation eine hohe Umsatzvisibilität.
Neben maßgeschneiderten KI-Chips verfügt Broadcom über einen Wettbewerbsvorteil, den Marvell kurzfristig nur schwer vollständig replizieren kann – KI-Netzwerke.
Wenn Tausende oder sogar Zehntausende von KI-Beschleunigern innerhalb eines einzigen Rechenzentrums-Clusters miteinander verbunden sind, gewinnt die Bedeutung von Hochgeschwindigkeits-Switching-Chips, Netzwerkgeräten und optischen Verbindungen entsprechend an Gewicht. Durch die langjährige Erfahrung von Broadcom im Bereich der Netzwerkchips kann das Unternehmen sowohl von den Investitionen in „KI-Computing“ als auch in „KI-Vernetzung“ profitieren.
Darüber hinaus verfügt Broadcom über einen stetigeren Cashflow und eine diversifiziertere Geschäftsstruktur; der freie Cashflow erreichte im letzten Quartal 10,26 Milliarden US-Dollar, was 46 % des Umsatzes entspricht. Infrastruktur-Softwaregeschäfte wie VMware können die Auswirkungen von Schwankungen bei Halbleiterbestellungen auf die Gesamtentwicklung abfedern.
Die sich ausweitende Partnerschaft von Google mit Marvell gehört beim Vergleich der beiden Unternehmen zu den am aufmerksamsten beobachteten Themen. Marvell ist bereits in die Lieferkette für kundenspezifische KI-Chips von Google eingetreten und könnte sich an weiteren TPU-bezogenen Beschleunigern, Schnittstellen-Controllern, Speicherlösungen und unterstützenden Chipprojekten beteiligen.
Allerdings bedeutet die Einbindung von Marvell durch Google nicht, dass Broadcom unmittelbar ersetzt wird.
Die Partnerschaft von Broadcom mit Google wurde bis 2031 verlängert und deckt künftige TPU-Produkte sowie zugehörige KI-Netzwerkausrüstung ab. Auch die Designerfahrung, das geistige Eigentum und die Kapazitäten für die Serienfertigung, die beide Parteien im Zuge ihrer langjährigen gemeinsamen Chipentwicklung aufgebaut haben, lassen sich kurzfristig kaum vollständig übertragen.
Eine logischere Erklärung ist, dass Google mit dem weiteren Ausbau des Umfangs seines TPU-Einsatzes und dem Vorantreiben des externen Vertriebs die Anzahl seiner Lieferanten erhöhen muss, um die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette zu stärken und die Abhängigkeit von einem einzelnen Partner zu verringern.
Künftig könnte sich Marvell Aufträge für einige neue Projekte, Inferenz-Chips oder unterstützende Controller sichern, während Broadcom weiterhin an Kern-TPU- und KI-Netzwerkplattformen beteiligt bleibt. Da der Markt für KI-Infrastruktur nach wie vor rasant wächst, handelt es sich zwischen den beiden Unternehmen nicht zwangsläufig um ein einfaches Nullsummenspiel.
Googles Lieferantendiversifizierung könnte zwar den Anteil von Broadcom bei bestimmten Projekten belasten, aber solange die Gesamtnachfrage nach KI-Chips weiter wächst, haben sowohl Broadcom als auch Marvell weiterhin die Möglichkeit, ihren Umsatz gleichzeitig zu steigern.
Vergleicht man allein die Ergebnissicherheit für das Jahr 2026, ist Broadcom derzeit im Vorteil.
FactSet schätzt, dass der Umsatz von Broadcom im laufenden Quartal bei etwa 29,49 Milliarden US-Dollar liegen wird – ein Plus von rund 85 % gegenüber dem Vorjahr, womit das Unternehmen das Gesamtumsatzwachstum von Marvell von 37 % im jüngsten Quartal deutlich übertrifft. Es wird erwartet, dass die Umsätze von Broadcom mit KI-Halbleitern weiterhin dynamisch wachsen, während die Sparten für kundenspezifische Chips und Netzwerktechnik zudem auf einen reiferen Kundenstamm verweisen können, was für eine vergleichsweise hohe Visibilität der zukünftigen Erträge sorgt.
Auch bei den Gewinnmargen, dem Cashflow und der Diversifizierung des Geschäfts ist Broadcom gegenüber Marvell im Vorteil; selbst wenn Teile der Halbleitersparte Schwankungen unterworfen sind, können die Umsätze mit Infrastruktur-Software die Gesamtentwicklung weiterhin abfedern.
Daher eignet sich Broadcom besser für Anleger, die Priorität auf Ergebnissicherheit, Cashflow und skaliertes Wachstum im Bereich der KI-Infrastruktur legen.
Der Vorteil von Marvell liegt in seiner Wachstumsflexibilität. Das Unternehmen rechnet für das dritte Geschäftsquartal mit einem Umsatzwachstum von rund 15 % gegenüber dem zweiten Geschäftsquartal, wobei sich das Geschäft mit kundenspezifischen Chips in den kommenden Quartalen weiter beschleunigen soll. Sollten die Projekte für Google, Amazon und andere Cloud-Computing-Kunden reibungslos anlaufen, könnte das Umsatzwachstum von Marvell in den nächsten ein bis zwei Jahren nochmals an Fahrt gewinnen.
Da die Gesamtgröße von Marvell deutlich geringer ist als die von Broadcom, kann bereits ein einziges Großprojekt für kundenspezifische Chips die Umsatz- und Gewinnprognosen spürbar verändern. Daher eignet sich Marvell eher für Anleger, die bereit sind, eine höhere Volatilität in Kauf zu nehmen und auf die rasche Expansion des Marktes für kundenspezifische KI-Chips zu setzen.
Allerdings sieht sich Marvell drei konkreten Risiken gegenüber: Der Aktienkurs ist bereits kräftig gestiegen, was zu hohen Markterwartungen führt; der wesentliche Umsatzbeitrag aus der Partnerschaft mit Google könnte mehr Zeit in Anspruch nehmen; und ein wachsender Umsatzanteil kundenspezifischer Chips könnte einen gewissen Druck auf die Bruttomargen ausüben.
Im Gegensatz dazu hat der Aktienkurs von Broadcom gegenüber seinem Höchststand im Juni um rund 25 % nachgegeben, und die Sorgen des Marktes hinsichtlich des Eintritts von Marvell bei Google sind in der Bewertung bereits teilweise eingepreist. Sollte der bevorstehende Quartalsbericht weiterhin ein starkes Wachstum bei den KI-Umsätzen ausweisen und das Management die Prognosen für die Zukunft weiter anheben, könnte bei Broadcom eine deutlichere Bewertungserholung einsetzen.