TradingKey – Morgan Stanley hat kürzlich die Kreditanalyse für Nvidia (NVDA) mit der Einstufung „Neutral“ aufgenommen. Um klarzustellen: Dies ist keine Herabstufung des Aktienratings von Nvidia, sondern eine Bewertung der Verschuldung und des allgemeinen Kreditprofils des Unternehmens. Morgan Stanley ist der Ansicht, dass Nvidia selbst nach wie vor über eine außergewöhnlich starke Bilanz verfügt. Da das Unternehmen seine Finanzkraft jedoch zunehmend einsetzt, um die Expansion der KI-Branche zu unterstützen, nehmen bestimmte potenzielle Risiken zu, die in der Vergangenheit weniger offensichtlich waren.
Lindsay Tyler, Analystin bei Morgan Stanley, merkte an, dass das schnelle Wachstum von Nvidia dessen solide Bilanz in ein „KI-Finanzierungsvehikel“ verwandelt. Während das Geschäftsmodell von Nvidia in der Vergangenheit in erster Linie im Verkauf von GPUs an Cloud-Computing-Anbieter und KI-Unternehmen bestand, beginnt das Unternehmen nun, sich stärker an der Rechenzentrumsfinanzierung von Kunden zu beteiligen und Kapital sowie Kreditunterstützung für das gesamte KI-Ökosystem bereitzustellen.
Nvidia gab diesen Monat Partnerschaften mit Institutionen wie Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR bekannt, mit dem Ziel, über 500 Milliarden US-Dollar an Drittkapital für den Aufbau von KI-Infrastruktur einzuwerben. Nvidia könnte für bestimmte Projekte eine Wertgarantie von bis zu 25 % übernehmen, um Kunden bei der Sicherung von Finanzierungen zu unterstützen.
Morgan Stanley glaubt, dass dieses Modell den Bau von KI-Rechenzentren weiter anregen und letztlich zu höheren Verkäufen von Nvidia-GPUs führen kann. Es bedeutet jedoch auch, dass die potenziellen Risiken, die Nvidia eingeht, nicht mehr rein anhand traditioneller Verschuldungskennzahlen gemessen werden können. Einige Risiken bestehen möglicherweise in Form von Garantien, vertraglichen Verpflichtungen und anderen Strukturen und schlagen sich daher nicht vollständig in den direkten Schuldenständen des Unternehmens nieder.
Schätzungen von Morgan Stanley zufolge könnte die gesamte Kreditrisikoposition von Nvidia bis Ende 2028 rund 200 Milliarden US-Dollar erreichen, wovon etwa 170 Milliarden US-Dollar auf entsprechende Anpassungen und potenzielle Verpflichtungen zurückzuführen sind. Unterdessen könnte das Finanzierungsvolumen rund um GPUs und XPUs 1 Billion US-Dollar überschreiten – der Hauptgrund, warum Morgan Stanley derzeit vorsichtig bleibt.
Allerdings sieht Morgan Stanley keine eindeutigen Anzeichen für Probleme in der Finanzlage von Nvidia. Selbst unter Berücksichtigung dieser potenziellen Risiken bleibt der Gesamtverschuldungsgrad des Unternehmens dank sehr solider Cashflows niedrig. S&P Global Ratings hat kürzlich ebenfalls Nvidias Kreditrating von „AA“ mit stabilem Ausblick bestätigt und prognostiziert, dass das Unternehmen von den Geschäftsjahren 2027 bis 2029 kumuliert über 800 Milliarden US-Dollar an freiem operativen Cashflow erwirtschaften wird. Per 26. April verfügte Nvidia – nach Berücksichtigung einer Fremdkapitalfinanzierung von 25 Milliarden US-Dollar im Juni – über Barmittel und veräußerbare Wertpapiere in Höhe von rund 106 Milliarden US-Dollar bei einer verzinslichen Verschuldung von etwa 33,5 Milliarden US-Dollar.
Für Anleger gilt: Da Nvidia sich von einem reinen KI-Chip-Lieferanten zu einem Akteur bei Investitionen und Finanzierungen im Bereich der KI-Infrastruktur entwickelt, kann das Unternehmen Kunden durch finanzielle Unterstützung beim Kauf weiterer GPUs helfen. Gleichzeitig wird jedoch die eigene Verflechtung mit KI-Kunden, Rechenzentrumsprojekten und dem breiteren KI-Investitionszyklus noch enger. Künftig dürfte der Markt bei der Bewertung von Nvidia neben GPU-Verkäufen, KI-Umsatzwachstum und Bruttomargen zunehmend auch das KI-Finanzierungsvolumen, Garantierisiken und die Schuldendienstfähigkeit der Kunden als neue Schlüsselkennzahlen beobachten.