Anleger könnten zu viel geldpolitische Straffung durch die Europäische Zentralbank einpreisen, erklärten Analysten von Capital Economics. Ein vorübergehender Inflationsschub durch höhere Energiepreise dürfte demnach kaum jenen anhaltenden Lohndruck erzeugen, der nötig wäre, um die Zinsen länger hoch zu halten.
Capital Economics erwartet, dass die EZB ihren Einlagensatz im Dezember erneut anhebt - von 2,5 auf 2,75 Prozent. Danach sieht das Analysehaus jedoch nur geringen Bedarf für weitere Straffungen.
Die Research-Firma rechnet damit, dass Zinssenkungen in der zweiten Jahreshälfte 2027 wieder auf die Agenda rücken. Der Einlagensatz dürfte schließlich 2028 auf 2 Prozent fallen.
Zweitrundeneffekte auf die Inflation über Löhne und Gewinne dürften laut Capital Economics vernachlässigbar bleiben. Der Arbeitsmarkt im Euroraum sei nicht besonders angespannt, und die Nachfrage laufe dem Produktionspotenzial nicht voraus.
Die Gesamtinflation im Euroraum dürfte nach Einschätzung des Hauses im Dezember auf rund 4 Prozent steigen, bevor sie 2027 deutlich zurückgeht. Die Kerninflation soll in der ersten Hälfte des kommenden Jahres auf etwa 3 Prozent zulegen, weil höhere Energiekosten indirekt durchschlagen, bevor sie sich bis 2028 in Richtung 2 Prozent abschwächt.
"Nach der Anhebung des Einlagensatzes im Dezember dürfte die EZB aus unserer Sicht kaum weiter straffen, wenn überhaupt", erklärte Capital Economics. Die Zinsprognose des Hauses für 2028 liege unter dem an den Märkten eingepreisten Pfad.
Die Ökonomen erwarten zudem, dass die Wirtschaft im Euroraum etwa mit ihrer Trendrate weiterwächst. Das Bruttoinlandsprodukt soll 2026 um 1,0 Prozent, 2027 um 1,1 Prozent und 2028 um 1,0 Prozent zulegen.
Capital Economics warnte zugleich, dass eine länger anhaltende Störung der Energieversorgung über die Straße von Hormus die Inflation weiter nach oben treiben und die EZB zwingen könnte, die Zinsen länger erhöht zu halten.
Selbst in diesem Szenario würden jedoch schwächere Nachfrage und ein weicherer Arbeitsmarkt die Zweitrundeneffekte bei der Inflation begrenzen. Dadurch sinke die Notwendigkeit einer aggressiven Straffung, hieß es.