Der Goldpreis ist wieder voll da. Seit seinem Tief Mitte Juli hat Gold rund 15 % zugelegt und notierte am 25. August bereits bei etwa 4.600 US-Dollar je Feinunze. Wer gehofft hatte, nach diesem Anstieg sei die Rally langsam ausgereizt, könnte sich allerdings täuschen. Goldman Sachs Research erwartet den Goldpreis bis Ende 2026 bei 4.900 US-Dollar.
Das wären zwar nur noch rund 300 US-Dollar Aufwärtspotenzial vom Stand Ende August. Entscheidend ist aber, warum Goldman Sachs überhaupt weiter steigende Preise erwartet. Denn hinter der Prognose stehen zwei Entwicklungen, die Gold schon seit einiger Zeit antreiben: Zentralbanken kaufen weiterhin große Mengen des Edelmetalls und gleichzeitig nimmt der Markt seine Erwartungen an weitere Zinserhöhungen in den USA zurück.
Doch damit nicht genug. Goldman Sachs sieht inzwischen einen weiteren Faktor, der die Bewegung beim Goldpreis sogar noch verstärken könnte. Immer mehr Investoren nutzen Goldderivate, um ihre Portfolios gegen größere Veränderungen in der Wirtschafts- und Regierungspolitik abzusichern. Das kann den Goldpreis zusätzlich nach oben treiben, bringt aber einen Haken mit sich: Die Ausschläge könnten künftig deutlich heftiger werden.
Wenn ich nach einem Grund suchen müsste, warum der Goldpreis trotz seines bereits hohen Niveaus weiter steigen könnte, würde ich zuerst auf die Zentralbanken schauen.
Lina Thomas, Senior Commodities Analyst bei Goldman Sachs Research, und Daan Struyven, Co-Head of Global Commodities Research, sehen deren Nachfrage nicht als kurzfristiges Phänomen. Aus ihrer Sicht handelt es sich um einen mehrjährigen Trend.
„Wir beobachten weiterhin eine erhöhte Goldakkumulation durch Zentralbanken als mehrjährigen Trend, da die Zentralbanken ihre Reserven diversifizieren, um sich gegen geopolitische und finanzielle Risiken abzusichern, was mit jüngsten Umfrageergebnissen übereinstimmt“, schreiben Thomas und Struyven.
Der Hintergrund ist simpel.
Zentralbanken halten einen großen Teil ihrer Reserven traditionell in Fremdwährungen. Gold besitzt dabei einen Vorteil: Das Edelmetall gilt als weniger anfällig dafür, im Zuge politischer Auseinandersetzungen eingefroren zu werden.
Genau deshalb spielt das Jahr 2022 eine wichtige Rolle.
Nachdem die G7-Staaten als Reaktion auf Russlands Einmarsch in die Ukraine Vermögenswerte der russischen Zentralbank in Europa eingefroren hatten, begannen Zentralbanken weltweit deutlich mehr Gold zu kaufen.
Vor 2022 lag das durchschnittliche Kaufvolumen laut Goldman Sachs bei gerade einmal 17 Tonnen pro Monat. Für 2026 rechnen die Analysten inzwischen mit durchschnittlich 50 Tonnen monatlich.
Zuletzt wurde sogar noch schneller gekauft.
Im Juni 2026 beschleunigten sich die Käufe laut dem Nowcast von Goldman Sachs auf saisonbereinigter Dreimonatsbasis auf rund 100 Tonnen pro Monat. Einen Monat zuvor waren es noch 66 Tonnen gewesen.
Der größte eindeutig identifizierbare Käufer im Juni war die chinesische Zentralbank.
Das ist für den Goldpreis deshalb so wichtig, weil diese Käufe nichts mit kurzfristigem Trading zu tun haben. Zentralbanken stellen ihre Reserven strategisch um. Wenn sie ihre Goldbestände über Jahre hinweg erhöhen, verschwindet ein erheblicher Teil des Angebots dauerhaft vom Markt.
Und genau das schafft ein ziemlich stabiles Fundament unter dem Goldpreis.
Der zweite große Faktor sind die Zinsen.
Gold zahlt weder Zinsen noch Dividenden. Steigen die Renditen von Anleihen, wird das Edelmetall deshalb im direkten Vergleich weniger attraktiv. Anleger bekommen dann bei sicheren Staatsanleihen eine laufende Verzinsung und müssen bei Gold darauf verzichten.
Genau dieser Gegenwind könnte nun schwächer werden.
Nach einem eher verhaltenen ersten Halbjahr beginnt sich laut Goldman Sachs die Nachfrage bestimmter Investorengruppen wieder zu erholen. Der Grund: Die Märkte rechnen inzwischen mit weniger Zinserhöhungen durch die US-Notenbank Fed im Jahr 2026.
„Wir erwarten, dass der Gegenwind durch die Fed weiter nachlässt, da unsere Volkswirte davon ausgehen, dass ein niedrigerer Inflationstrend die Fed in diesem Jahr zu unveränderten Zinsen bewegen wird“, schreiben Thomas und Struyven.
Für Gold wäre das ein günstiges Umfeld.
Die Zentralbanken kaufen weiter, während gleichzeitig einer der wichtigsten Belastungsfaktoren schwächer wird.
Genau diese Kombination ist der Kern der Goldman-Sachs-Prognose von 4.900 US-Dollar.
Doch vielleicht ist selbst dieses Ziel noch zu vorsichtig.
Goldman Sachs nennt nämlich mehrere mittelfristige Faktoren, durch die der Goldpreis die eigene Prognose übertreffen könnte.
Einer davon betrifft private Anleger.
Der Goldanteil in privaten Portfolios ist nach Einschätzung der Analysten weiterhin niedrig. Sollten Anleger Gold künftig stärker zur Diversifikation einsetzen, würde zusätzlich zur ohnehin hohen Nachfrage der Zentralbanken eine weitere bedeutende Käufergruppe stärker in den Markt kommen.
Geopolitische Spannungen könnten diesen Prozess beschleunigen.
„Der Goldanteil in privaten Portfolios bleibt niedrig, und jüngste geopolitische Entwicklungen - darunter Iran und breitere Spannungen - könnten die Diversifizierung über Zentralbanken hinaus auf private Investoren ausweiten, unter anderem indem sie die Wahrnehmung der fiskalischen Nachhaltigkeit westlicher Staaten belasten“, schreiben Thomas und Struyven.
Das ist ein wichtiger Punkt.
Denn der bisherige Anstieg des Goldpreises wurde zu einem erheblichen Teil durch institutionelle beziehungsweise staatliche Nachfrage getragen. Sollten private Anleger nun ebenfalls stärker einsteigen, würde sich die Basis der Rally verbreitern.
Und genau dann könnte es beim Goldpreis noch einmal richtig interessant werden.
Ein Faktor fällt dabei besonders auf: der Optionsmarkt.
Immer mehr Anleger kaufen Call-Optionen auf Gold, um ihre Portfolios gegen größere politische Veränderungen abzusichern.
Auf den ersten Blick klingt das nach einem Thema, das nur professionelle Händler betrifft. Tatsächlich können solche Optionen aber direkte Auswirkungen auf den Goldpreis haben.
Nähert sich Gold wichtigen Ausübungspreisen dieser Call-Optionen, müssen Händler, die solche Optionen verkauft haben, ihre eigenen Risiken absichern.
Dafür kaufen sie Gold.
Steigt der Goldpreis weiter, können zusätzliche Käufe erforderlich werden. Dadurch entsteht eine Art Verstärkungseffekt: Der Kurs steigt, Händler müssen stärker absichern und diese Käufe treiben den Kurs wiederum weiter.
Genau das könnte eine laufende Gold-Rally beschleunigen.
Doch bevor jetzt zu viel Euphorie aufkommt, gibt es auch die andere Seite.
Fällt der Goldpreis, können Händler ihre zuvor aufgebauten Absicherungen wieder reduzieren. Dazu verkaufen sie Goldbestände. Das kann einen bereits laufenden Rücksetzer zusätzlich verstärken.
Das Ergebnis: mehr Bewegung in beide Richtungen.
Genau deshalb warnt Goldman Sachs trotz des positiven Ausblicks vor einer stärkeren Volatilität beim Goldpreis.
Das Kursziel von 4.900 US-Dollar bis Ende 2026 berücksichtigt die derzeit erhöhte Nachfrage nach Absicherung über Goldderivate nicht.
Das kann positiv sein.
Denn durch diese zusätzlichen Käufe steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Goldpreis die Marke von 4.900 US-Dollar sogar überschreitet.
Aber Anleger sollten daraus nicht den Schluss ziehen, dass Gold nun einfach ruhig von 4.600 auf 4.900 US-Dollar durchmarschiert.
Thomas und Struyven sprechen ausdrücklich von einer „stärkeren Volatilität in beide Richtungen“.
Genau darin liegt für mich der wichtigste Punkt der gesamten Prognose.
Der langfristige Gold-Trend kann weiter nach oben zeigen und trotzdem können zwischenzeitlich kräftige Rücksetzer auftreten. Gerade wenn Derivate einen größeren Einfluss auf den Markt bekommen, können Bewegungen schneller und heftiger ausfallen als zuvor.
Beim Goldpreis spricht derzeit einiges dafür, dass die Rally noch nicht vorbei ist.
Die Nachfrage der Zentralbanken bleibt außergewöhnlich hoch. Statt durchschnittlich 17 Tonnen pro Monat vor 2022 erwartet Goldman Sachs für 2026 inzwischen rund 50 Tonnen. Im Juni lag das hochgerechnete Kaufvolumen zeitweise sogar bei 100 Tonnen monatlich.
Dazu kommt das veränderte Zinsumfeld. Wenn die Fed ihre Leitzinsen nicht weiter anhebt, verliert einer der wichtigsten Gegenspieler von Gold an Kraft.
Und dann gibt es noch die privaten Anleger.
Sollten geopolitische Risiken und Sorgen um die fiskalische Stabilität westlicher Staaten dazu führen, dass auch sie mehr Gold in ihre Portfolios aufnehmen, könnte sich die Nachfrage noch einmal deutlich verbreitern.
Die Goldman-Sachs-Prognose von 4.900 US-Dollar erscheint vor diesem Hintergrund durchaus erreichbar.
Für mich ist aber fast noch wichtiger, wie der Weg dorthin aussehen könnte.
Die zunehmende Bedeutung von Goldoptionen kann Aufwärtsbewegungen verstärken, aber genauso schnell zusätzlichen Druck erzeugen, wenn der Goldpreis fällt. Anleger sollten deshalb mit deutlich mehr Schwankungen rechnen.
Der Goldpreis bleibt damit in einer spannenden Ausgangslage: Zentralbanken kaufen, der Zinsdruck lässt nach und private Investoren könnten als zusätzliche Nachfragequelle dazukommen. Sollte all das gleichzeitig wirken, könnte die Marke von 4.900 US-Dollar am Ende tatsächlich nicht das Ende der Gold-Rally sein.
Risikohinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich journalistischen Informationszwecken und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Der Handel mit Aktien, Edelmetallen und anderen Finanzinstrumenten ist mit Risiken verbunden und kann zum teilweisen oder vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals führen.