Ökonomen der Société Générale gehen davon aus, dass die Europäische Zentralbank ihre Geldpolitik in dieser Woche unverändert lassen wird – zugleich aber einen eher restriktiven Ton anschlagen dürfte, während sie den jüngsten Anstieg der Ölpreise bewertet. Nach Einschätzung der Analysten ist der aktuelle Ölpreisschock im Vergleich zu früheren Episoden bislang moderat. Er könnte jedoch anhalten, falls der Iran den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus einschränkt. In diesem Fall dürfte die EZB bei der Einschätzung der Risiken für Wachstum und Inflation vorsichtig bleiben.
„Bei aller Aufregung über den Anstieg der Ölpreise ist die Realität, dass der wirtschaftliche Schock auf dem derzeitigen Niveau eher begrenzt ist. Der Ölpreis liegt deutlich unter seinen historischen Höchstständen – erst recht, wenn man die Inflation berücksichtigt. Zudem haben die europäischen Volkswirtschaften ihren Ölverbrauch bereits in den 1990er-Jahren auf dem Höhepunkt gesehen, und der Verbrauch liegt heute rund ein Drittel darunter.“
„Bei einer groben Betrachtung müssten sich die Ölpreise erst etwa verdoppeln, um Größenordnungen früherer Ölpreisschocks zu erreichen. Die Frage ist natürlich, ob das bedeutet, dass der wirtschaftliche Schock begrenzt bleibt oder ob die Preise noch deutlich steigen müssen, um die Nachfrage an das geringere Angebot anzupassen. In jedem Fall wirkt auch dämpfend, dass der Anteil fossiler Brennstoffe an der Stromerzeugung kontinuierlich sinkt.“
„Die EZB-Sitzung am Donnerstag wird im Mittelpunkt stehen. Über die rein wirtschaftlichen Aspekte hinaus wird es für die Notenbank entscheidend sein, die geopolitischen Faktoren in den kommenden Monaten zu bewerten. Diese werden eine Rolle dabei spielen, ob der Anstieg der Energiepreise vorübergehend oder dauerhaft ist und wie stark die Wirtschaft davon betroffen sein wird.“
„Für die EZB ist es wahrscheinlich noch zu früh, um klare Schlüsse zu ziehen, ob der negative Effekt auf das Wachstum mögliche Zweitrundeneffekte auf die Inflation begrenzen und damit eine straffere Geldpolitik erforderlich machen könnte. Sollte sich die Wirtschaft jedoch als widerstandsfähig erweisen, dürften die Ergebnisse der jüngsten Strategieüberprüfung – nämlich stärker auf Angebotsschocks zu achten – an Bedeutung gewinnen.“