Die Entscheidung der US-Notenbank auf der bevorstehenden Sitzung des Offenmarktausschusses (FOMC) dürfte nach Einschätzung von ING-Stratege Padhraic Garvey denkbar knapp ausfallen. Er sieht die Wahrscheinlichkeit für unveränderte Leitzinsen bei etwa 60 zu 40. Für eine Zinspause sprächen die nachlassende Inflation im Juni, die Entspannung im Nahen Osten nach dem Konflikt mit dem Iran sowie Schwächesignale der US-Wirtschaft außerhalb des Technologiesektors. Gleichzeitig warnt er jedoch davor, eine überraschende Zinserhöhung um 25 Basispunkte auszuschließen.
„Die bevorstehende FOMC-Sitzung wird die erste seit längerer Zeit sein, bei der ein großer Teil der Beobachter mit einem anderen Ergebnis rechnen dürfte, als letztlich beschlossen wird. Die Entscheidung steht praktisch auf Messers Schneide - mit einem Verhältnis von 60 zu 40 zugunsten unveränderter Zinsen. Ein wesentlicher Grund für dieses Szenario ist die Beruhigung bei den Inflationsdaten im Juni.“
„Unsere Prognose lautet: keine Änderung. Die Inflationserwartungen sind aus unserer Sicht ausreichend gedämpft. Zudem spricht auch die Struktur der Zinskurve derzeit nicht für den Beginn eines Zinserhöhungszyklus.“
„Konkret notiert der Bereich der fünfjährigen Laufzeiten im Verhältnis zur Zinskurve auf einem ungewöhnlich hohen Niveau. Normalerweise beginnt die Fed keinen Zinserhöhungszyklus, wenn die fünfjährige Laufzeit gegenüber der Kurve so stark bewertet ist. Sollten wir uns irren und die Fed die Zinsen doch anheben - sei es auf dieser oder der nächsten Sitzung -, deutet die Struktur der Zinskurve darauf hin, dass diese Erhöhungen später wieder zurückgenommen würden. Der Leitzins dürfte dann innerhalb der kommenden zwölf Monate unter dem heutigen Niveau liegen.“
„Dennoch könnte man der Federal Reserve eine vorsorgliche Zinserhöhung kaum vorwerfen. Zentralbanken greifen häufig zu einem solchen Schritt, wenn die Inflation spürbar über den angestrebten Zielbereich steigt. Genau aus diesem Grund hat der Markt zuletzt zunehmend eine Zinserhöhung eingepreist.“
„Ein letzter Punkt: Sollte Warsh tatsächlich eine Zinserhöhung anstreben - und das ist durchaus möglich -, wäre es sinnvoller, diese bereits auf der aktuellen Sitzung umzusetzen, anstatt abzuwarten, bis der Markt sie für die nächste Sitzung vollständig eingepreist hat. Die Versuchung, die Unabhängigkeit der Fed gegenüber den Markterwartungen zu demonstrieren, dürfte durchaus vorhanden sein. Zur Klarstellung: Wir rechnen nicht mit einer Zinserhöhung.“